Der Kampf um die Macht in der Republik
Showdown im TV: Das Duell der Angst

Immer gingen sich die Kanzlerkandidaten in Wahlkämpfen aus dem Weg. Jetzt wagen Schröder und Stoiber zwei TV-Duelle. Politikberater und Sender haben dafür ein grotesk wirkendes Korsett aus Regeln geschnürt. Zu viel steht auf dem Spiel, nächsten Sonntag in Studio B.

Sie werden sich vorher nicht zu Gesicht bekommen an jenem Sonntagabend, der penibler geplant ist als alles andere in diesem Wahlkampf und doch das Unerwartete bringen könnte. Sie werden verschiedene Treppenaufgänge hochgehen, in Zimmer, die bis ins Detail identisch sind: weiße Tapete, taubenblauer Teppichboden, schwarze Ledersofas mit Chromgestell, Typ Bauhaus, wie man sie auch im Kanzleramt findet; dort nur teurer. Daneben die Maske: ein Waschbecken, zwei Spiegel, neonlichtumrandet. Danach betreten sie, wieder durch getrennte Eingänge, Studio B. 640 Quadratmeter Deutschland - das Spielfeld für einen Kampf um die Macht in der Republik, wie es ihn so noch nicht gab.

"Die letzten vier Wochen waren extrem"

"Die letzten vier Wochen waren extrem", stöhnt Oleg Anton, aber das zu erwähnen ist eigentlich unnötig. Denn seine tiefen, dunklen Augenringe sprechen ihre eigene Sprache. Anton ist Herstellungsleiter im Studio Berlin, im Südosten der Hauptstadt. Er sorgt dafür, dass Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) und sein Herausforderer Edmund Stoiber (CSU) genau die Sendung bekommen, die sie sich wünschen.

"Das Wort Inszenierung wäre für die Fernsehduelle falsch. Das Fernsehen wird eher den Rahmen stellen für das Aufeinandertreffen", stellt Béla Anda klar, einer von Schröders Regierungssprechern. "Ich gehe davon aus, dass uns die Themen vorab genannt werden", ist sich Michael Spreng gewiss, Stoibers Medienberater.

Zwei DIN-A4-Seiten Protokoll

Zwei DIN-A4-Seiten stark ist das Protokoll der entscheidenden Sitzung, das inmitten eines sich überfallartig deregulierenden Deutschlands wie ein letztes Dokument deutscher Regelungswut wirkt. Darin haben die Berater der Kandidaten und die Chefredakteure der vier Fernsehsender ARD, ZDF, RTL und SAT 1 festgelegt, wie die zwei je 75-minütigen Duelle am 25. August und 8. September ablaufen sollen.

Der Kanzler und der Kandidat werden stehen. Keine Kamera wird ihren Hinterkopf bestreichen. Es wird überhaupt keine Kamerafahrten geben und auch kein Studio-Publikum. Das Los entscheidet, wer beginnt. Jeder hat 90 Sekunden Zeit für eine Antwort auf eine Moderatorenfrage, nach 80 Sekunden fängt, nur für ihn sichtbar, eine Lampe auf seinem Pult an zu leuchten. Zu jedem Thema dürfen die Moderatoren genau zweimal nachfragen. Die Kandidaten dürfen keine Unterlagen mitbringen, aber ein Blatt Papier und einen Stift. Ob Füller oder Kuli, ist nicht geregelt.

"Das Duell ist in ein Korsett geschnürt"

"Das Duell ist in ein Korsett geschnürt, ein Fehler. Da wird sehr viel Spontanität weggenommen", kritisiert Dieter Roth, Vorstandsmitglied der Forschungsgruppe Wahlen, die am Abend des 25. August messen wird, wer wie viel an Prozentpunkten gewonnen oder verloren hat. Wie viel das sein kann? Roth sagt, "es wäre naiv anzunehmen, dass die großen Wählerströme von der einen zur anderen Seite gehen. Aber die eigenen Leute können mobilisiert werden." Spreng glaubt, "das Duell wird keine Wählerstimmen im großen Maßstab umschichten". Die SPD-Seite hofft auf den einen oder anderen Prozentpunkt; gerade bei ihr hapert es noch mit der Mobilisierung.

Genau weiß keiner, wie folgenreich das Duell sein kann, denn es ist eine Premiere für Deutschland. Aber alle, mit denen man spricht, wissen um so besser, was 1960 in Chicago passierte, als ein braun gebrannter John F. Kennedy auf einen grau wirkenden, schlecht geschminkten Richard Nixon traf. Es war das erste Fernsehduell Amerikas, danach lag plötzlich Kennedy in Front und wurde Präsident.

Aus dieser Geschichte resultiert die Aufgeregtheit auf beiden politischen Seiten. Die Angst vor dem großen, vielleicht nicht wieder gutzumachenden Fehler. Zumal angeblich mehr als die Hälfte aller Wähler beim ersten Duell zuschauen wollen.

Angst vor schmutzigen Tricks

Vor allem die Stoiber-Leute, die sich angesichts der Umfragen schon fast als Wahlsieger fühlen dürfen, sorgen sich, dass ihrem Kandidaten übel mitgespielt werden könnte. "Wir hoffen, dass die Gegenseite nicht mit schmutzigen Tricks arbeitet", meint einer aus Stoibers Umfeld.

"Es ist wie ein Schachspiel", sagt Peter Limbourg, "man denkt mehrere Züge voraus. Aber vor Überraschungen ist keiner gefeit." Limbourg ist Chefredakteur beim Nachrichtensender N24, ein großer Mann, einer für die ernsten Formate. Gerade hat er sich ein weiteres Mal mit seinem Kollegen Peter Kloeppel von RTL getroffen, die beiden werden am 25. August das erste Fernsehduell moderieren. Schon stehen die meisten Fragen, die, anders als die Themenblöcke, bis zur Sendung geheim bleiben sollen. Die Moderatoren besprechen sich, sie üben mit verteilten Rollen.

Das ist alles andere als eine normale Vorbereitung für die erfahrenen Interviewer. Schuld daran, so scheint?s, ist der Zipfel der Macht, den sie nun in die Hand bekommen haben. Sie könnten die Wahl mitentscheiden. "Ich bin nachdenklicher als sonst, aber nervös bin ich nicht", sagt Limbourg.

Das Fernsehen findet zurück zu seinen Anfängen

Das Fernsehen, inklusive der Privaten, findet mit den TV-Duellen ironischerweise zurück zu den Anfängen öffentlich-rechtlicher Sender: zum Bildungsfunk. Und Nikolaus Brender, ZDF, sorgt sich wie eine Anstandsdame öffentlich um die Kleidung der Interviewerinnen des zweiten Duells. "Uni" soll?s auf jeden Fall sein für Sabine Christiansen (ARD) und Maybrit Illner (ZDF). Aber wäre Rot beziehungsweise Schwarz nicht zu gewagt? Ein politisches Bekenntnis gar?

Im Studio Adlershof, den alten DDR-Fernsehstudios, wird derzeit das Studio B in die politisch unverfängliche Farbe Blau gekleidet. Das und patriotisches Schwarz-Rot-Gold macht sich jetzt dort breit, wo zuvor die grünen OP-Kittel der ZDF-Vorabendsendung "Herzschlag" dominierten. Dafür soll, wenn es nach den Sendern geht, die Stromversorgung, ohnehin schon dreifach gesichert, auf Krankenhausniveau gebracht werden. Extra-Generatoren, phasengleich geschaltet, damit ja keine Sekunde verloren geht.

"Das Drumherum ist dieses Mal extrem wichtig"

Natürlich wird?s Samstag nächster Woche auch eine Generalprobe geben, mit acht Kameras, zwei Moderatoren, einem erfahrenen Regisseur, Volker Weicker, und den Beratern der Politiker. Aber Überraschungen kann da eigentlich keiner mehr erleben. Oleg Anton, der Herstellungsleiter, bekommt häufig Besuch von den Wahlkampfmanagern der Matadore. "Vom Handwerk her ist alles normal", sagt er, "aber das Drumherum ist dieses Mal extrem wichtig."

Aber wie wird das Duell tatsächlich aussehen? In acht bis zehn Themenblöcke wollen die Interviewer die Sendung gliedern. "Vorgestanzte Antworten auf vorgestanzte Antworten", fürchtet schon Roth von der Forschungsgruppe Wahlen. Klar, Arbeitslosigkeit, Wirtschaft, Soziales, Außenpolitik werden eine große Rolle spielen, aber wenn etwa das Hochwasser in eine handfeste Umweltdebatte münden sollte, wäre auch das ein dankbares Thema. Die Sendung soll jedoch, wie Limbourg meint, "nicht die letzten Aktualitätsbedürfnisse befriedigen".

Kuschelig wird es auf keinen Fall

Viel hängt davon ab, wie die Kontrahenten miteinander umgehen. Kuschelig wird es auf keinen Fall. Die beiden mögen sich nicht, und je länger der Wahlkampf dauert, desto größer scheinen die Animositäten zu werden. Wenn sie einmal gemeinsam auftreten, wie bei den Streitgesprächen für "Süddeutsche Zeitung" und "Welt", machen sie aus ihrer gegenseitigen Abneigung keinen Hehl. Da kam Schröder erst zu spät, und am Ende ließ er Stoiber, während der noch redete, sitzen ("Ich muss in die nächste Veranstaltung"). So etwas wird er sich im Fernsehen verkneifen müssen.

In verschärfter Tonlage ätzen dafür schon jetzt die Berater der Kontrahenten. "Der Herausforderer hat sich erkennbar verbessert. Seine Sätze sind kürzer, er braucht weniger "Ähs", er kann sich Namen merken", lobt Anda vernichtend. Und Spreng kontert: "Ich wünsche mir, dass es nicht darum geht, wer der bessere Schauspieler ist. Das ist eindeutig Schröder."

Die Kanzler-Leute reden viel von der "menschlichen Komponente", die bei den Duellen sichtbar werde. Im Stoiber-Lager hofft man dagegen, dass es ein "Informations- und Kompetenzduell wird".

Vorbereitungspläne sind geheime Verschlusssache

Als geheime Verschlusssache behandeln die Berater die Vorbereitung ihrer Kandidaten. Dabei wäre es, wie Profis einräumen, fast fahrlässig, die ungewohnte Duell-Situation nicht wenigstens ein bisschen zu trainieren. Aber wie sähe das in der Öffentlichkeit aus, wenn der Herausforderer an einem Schröder-Double seine Argumente übte?

Zeit jedenfalls hätten Stoiber wie Schröder. Den 25.8. haben sich beide bis zum Abend frei genommen.

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