Der Kandidat will von George W. Bush nichts mehr wissen
McCain sagt dem Establishment den Kampf an

US-Präsidentschaftskandidat John McCain hat bei seiner Abschlussrede auf dem republikanischen Parteitag die Nominierung seiner Partei offiziell angenommen. In einer rhetorisch nicht brillianten, aber umjubelten Rede, präsentierte sich der 72-Jährige den Delegierten als Reformer, Patriot und Staatsmann. Für den Fall eines Sieges bei der Präsidentschaftswahl am 4. November kündigt er einen grundlegenden Politikwechsel an und streckte seine Hand zur Zusammenarbeit über Parteigrenzen hinweg aus.

HB ST. PAUL. Sanft und selbstbewusst gab sich John McCain, als er gestern Abend in St. Paul seine Nominierung als republikanischer Präsidentschaftskandidat annahm. Sanft, weil er seinen Gegner Barack Obama zwar attackierte, doch dabei im Ton stets fair blieb. Und selbstbewusst, weil der 72-Jährige mehrfach seine Lebenserfahrung und seine reichhaltige Biographie herausstellte.

McCain fühlte sich vor den Delegierten im Xcel-Center in St. Paul so souverän, dass er darauf verzichtete, den Namen des scheidenden Präsidenten, des Republikaners George W. Bush, auch nur ein einziges Mal zu erwähnen. Spätestens mit diesem Parteitag der Republikaner hat die Zeit nach Bush begonnen.

McCain hielt keine mitreißende Rede, aber eine, aus der die gesamte Autorität seiner zwei wichtigsten Lebensabschnitte herauszuhören war: Aus seiner Zeit als Militär und Bomberpilot in Vietnam sowie der Jahre als Vertreter Arizonas im US-Senat. Wieder und wieder wurde den Delegierten in Erinnerung gerufen, welche Herausforderungen McCain während seiner fünfeinhalbjährigen Gefangenschaft in Nordvietnam zu bestehen hatte. Bereits in einem Film vor seinem Auftritt wurden die Parteimitglieder auf den Kriegshelden John McCain eingestimmt und auch schon in den letzten Tagen hatte kaum ein Redner dieses Kapitel in McCains Biographie ausgelassen. Das Ziel der Übung war unübersehbar: Während McCain in seinem Leben durch zahlreiche Prüfungen gegangen ist habe Barack Obama nichts Vergleichbares vorzuweisen.

Respektvoll äußerte sich McCain über seinen demokratischen Gegner, dieser habe viel erreicht und bei allen Unterschieden dürfe man nicht vergessen, dass beide Amerikaner seien. Allerdings hatten die Obama-Schelte bereits an den Tagen zuvor andere übernommen – etwa seine Kandidatin für den Vize, Sarah Palin. Als McCain dann in jeweils nur einem Satz auf die Politikinhalte einging wurde die Charakterisierung von Obama indes eher holzschnittartig. Obama sei ein Steuererhöher, Jobvernichter und Schuldenmacher, sagte McCain unter dem Beifall seiner Anhänger. Als McCain zudem sein Versprechen erneuerte, unter seiner Präsidentschaft werde es wieder zu neuen Ölbohrungen vor den amerikanischen Küsten kommen, stimmten viele Delegierte den Slogan „Drill, Baby, Drill“ an. Vor allem viele junge Gäste hatten angesichts des Klimawandels mit dieser unkritischen Begeisterung für die Botschaften des vorigen Jahrhunderts ganz offensichtlich ihre Schwierigkeiten – und blieben stumm.

„Ich hasse Krieg“

John McCain präsentierte sich seiner republikanischen Partei jedoch weitgehend als der, der ist. Er kokettierte mit dem Etikett, ein „Maverick“, ein Außenseiter, zu sein, der gerne seiner ganz persönlichen Richtschnur folgt und nicht unbedingt jener der Partei. Er untermauerte seine Haltung zu Irak, wo es kein Wackeln geben dürfe. An dieser Stelle wiederholte er den Satz, der inzwischen als eine Art Bekenntnis von McCain gilt: „Ich verliere lieber eine Wahl als einen Krieg“. Als McCain dies sagte, brandete riesiger Beifall auf. Und ähnlich reagierten die Zuhörer, als er gegenüber Russland eine harte Gangart versprach. „Wir dürfen nicht wegschauen, wenn wir Aggression und Rechtlosigkeit erleben“, sagte McCain mit Blick auf die Geschehnisse in Georgien. Er fürchte sich jedoch nicht vor den Gefahren, die die Welt bereit halte, sagte McCain. „Ich bin darauf vorbereitet“. McCain sagte aber auch: „Ich hasse Krieg. Und ich will Präsident werden, um mein Land sicher zu halten und die Familien davor zu bewahren, ihre Angehörigen dem Kriegsrisiko auszusetzen – so wie das in meiner Familie war.“

McCains Rede, die einige Male von Störversuchen unterbrochen wurde, löste keine überbordende Euphorie aus. Aber sie war das Beste, was McCain anbieten konnte. Die völlige Abwesenheit der Würdigung der letzten acht Regierungsjahre von George W. Bush schienen die Delegierten ohne Murren hinzunehmen. Ihnen war ganz offensichtlich klar, dass die Republikaner nur dann eine Chance zum Sieg haben, wenn eine klare Trennlinie zu George W. Bush gezogen wird. McCain hat diesen Schnitt am Donnerstagabend in St. Paul vollzogen. Und die Partei hat ihm dabei zugejubelt.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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