Der Kanzlerkandidat in den USA
Stoiber schärft sein außenpolitisches Profil

Auf seiner USA-Reise in der vergangenen Woche holte sich der Kanzlerkandidat der Union Rat für den Wahlkampf und sammelte Ideen für sein Wirtschaftsprogramm.
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DÜSSELDORF. Auf einem DIN-A4-Blatt schreibt Edmund Stoiber eine Stunde lang alles mit. Eifrig wie einst als Jurastudent im Hörsaal macht sich der bayrische Ministerpräsident und Kanzlerkandidat der Union Notizen, damit er nur ja nichts vergisst. "Ohne Risikobereitschaft kein Wirtschaftswachstum", notiert Stoiber mit grüner Cheftinte da etwa. Der Ratschlag stammt von Alan Greenspan, dem wichtigsten Notenbankchef der Welt.

Typisch Stoiber. Der Mann schreibt nicht nur alles mit, er fragt nach, will immer alles ganz genau wissen, alles verstehen. Ein Perfektionist, der sich und seine Gesprächspartner quält: "Politik ist harte Arbeit", sagt Stoiber. Das meinte auch der andere wichtige Gesprächspartner, den der Kandidat bei seinem Washington-Besuch vergangenen Freitag traf: Präsident George W. Bush. Der Ratschlag des Texaners für den Bayern nach 50 Minuten: "work hard".

Zur Arbeit muss Stoiber niemand tragen. Der kurze Besuch in den USA war pickepacke voll mit Terminen. Und alle waren Arbeit. Neben Präsident Bush und Notenbankgouverneur Greenspan traf Stoiber noch den Präsidenten des Internationalen Währungsfonds, Horst Köhler, in Washington und in New York Börsenchef Richard Grasso. Mit ihnen diskutierte der Kandidat, wie er den Wirtschaftsstandort Deutschland wieder nach vorne bringen, für mehr Selbstständige sorgen und die hohe Arbeitslosigkeit beseitigen könne. "Die Leute spüren, dass wir in Europa Schlusslicht sind." Fußballfan Stoiber will die blockierte Republik wieder in die Champions League führen.

Noch aber weiß er nicht so genau wie. Was er zu seinem Rezept zur Sanierung der Deutschland AG äußert, ist noch vage. Vorbild Amerika? "Nein", sagt der Kanzlerkandidat auf dem Rückflug von Washington. "Radikale Reformen wie in den USA sind in Deutschland nicht durchsetzbar. Wir brauchen einen breiten gesellschaftlichen Konsens." Auch wenn ihn fasziniert, wie Amerika wegen seines flexiblen Arbeitsmarktes die Rezession so schnell überwunden hat, kopieren möchte er das "neoliberale System des Hire and Fire" nicht. Greenspan stimmt er zu, wenn dieser ihm sagt, dass "den Deutschen die kapitalistische Kultur Amerikas nicht zivilisiert genug" erscheine.

Klar, möchte Stoiber die Steuern, soweit das finanzierbar ist, senken. Klar, will er den überregulierten Arbeitsmarkt entrümpeln. Klar, sollen Bürokratie und überlange Genehmigungsverfahren, die Industrieansiedlungen in den neuen Bundesländern blockieren, abgebaut werden. "Die Leute interessiert nicht, ob es rechts oder links lang geht. Die wollen eine vernünftige Lösung", sagt er. Doch so genau will Stoiber, der sich so gern in Details verbeißt, nicht sagen, was er für vernünftig hält.

Immerhin legt sich der Christsoziale auf drei große Linien fest: Spitzensteuersatz, Lohnnebenkosten, Staatsquote - alles soll unter 40 Prozent. Darauf hatten sich die Unionsparteien schon im vergangenen Jahr geeinigt. Doch wo dafür der Rotstift angesetzt und wie das finanziert werden soll, darüber schweigt sich der Kandidat lieber (noch???) aus.

Die Zeit drängt, Ende des Monats soll das Wahlprogramm der Union vorgestellt werden. Bis dahin müssen auch die unpopulären Fragen geklärt sein. Wie sollen die Reformen finanziert werden, wer Opfer bringen? Stoiber weiß, dass er aus Gründen der Glaubwürdigkeit diese Fragen nicht übergehen kann, will er sich nicht dem Vorwurf unseriöser Wahlversprechen aussetzen.

Auch wenn die Union noch über den Weg streitet, das große Ziel ist für den Herausforderer aus München klar. "Wir müssen wieder zum Motor für Europa werden." Dafür will er Kanzler werden. "Der Job ist eine unglaubliche Herausforderung", sagt er, der sich auch nach einem 18-Stunden-Tag von über 30 mitgereisten Journalisten aus Deutschland spät nachts im New Yorker Millennium Plaza ausgiebig befragen lässt. Pflichtbewusst und diszipliniert gibt er Antwort. Auch wiederholte Hinweise seines Regierungssprechers Martin Neumeyer, dass es doch schon reichlich spät sei, können den Kandidaten nicht bremsen. Einziges Zugeständnis des leidenschaftlichen Tee- und Limonadentrinkers: ein kühles Bier.

Und schon geht es weiter: "Wie kriegen wir mit weniger schmerzhaften sozialen Einschnitten so viel Wirtschaftswachstum wie in den USA?" Das ist die Frage aller Fragen des Edmund Stoiber.

Auf dem Rückflug in die Heimat, kurz vor der Landung in Frankfurt, fällt ihm dann Alan Greenspan und eine Antwort ein. "Wir müssen die Bedingungen dafür schaffen, dass mehr Menschen bereit sind", so der Kandidat, "Risiken einzugehen, anzupacken." Ja, so könnte es funktionieren: "Wer nur auf Sicherheit setzt, bleibt am Ende selber sitzen."

Sven Afhüppe
Sven Afhüppe
Handelsblatt / Chefredakteur
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