Der Kapitalbedarf des Chipherstellers ist enorm, die Perspektiven bleiben ungewiss: Kommentar: Infineon-Aktionäre brauchen weiter gute Nerven

Der Kapitalbedarf des Chipherstellers ist enorm, die Perspektiven bleiben ungewiss
Kommentar: Infineon-Aktionäre brauchen weiter gute Nerven

In den vergangenen drei Monaten hatte die Börse die hohen Verluste von Infineon offenbar schon vergessen: Von unter zwölf Euro kletterte der Aktienkurs des zweitgrößten europäischen Halbleiter-Herstellers auf mehr als 28 Euro.

Meldungen über Preiserhöhungen auf dem wichtigen Speicherchip- Markt und der Ausstieg von Toshiba aus dem Speicher-Geschäft trieben das Papier in die Höhe. Selbst die katastrophalen Zahlen für das im September abgelaufene Geschäftsjahr konnten die Anleger nicht davon abhalten, wieder in Infineon zu investieren.

Am Dienstag wurden die Investoren dann auf den Boden der Realität zurückgeholt. Die von Infineon begebene Wandelanleihe mit einem Volumen von einer Milliarde Euro drückte den Kurs um mehr als fünf Prozent. Die frühere Siemens-Tochter begründete die Anleihe mit der aktuellen Gelegenheit, sich zu niedrigen Zinsen günstig Kapital zu beschaffen.

Doch das ist nur die halbe Wahrheit: Die Anleihe führte den Anlegern auch vor Augen, dass Infineon einen gigantischen Kapitalbedarf hat. Schließlich wurden sie damit binnen kurzer Zeit zum zweiten Mal zur Kasse gebeten. Erst im Sommer 2001 hatte sich Infineon-Chef Ulrich Schumacher per Kapitalerhöhung 1,5 Milliarden Euro beschafft. Doch zum Jahreswechsel lagen nur noch 250 Millionen Euro in der Kasse.

Kein Wunder also, dass Siemens - Kassenwart Heinz-Joachim Neubürger auf eine schnelle Trennung von der ehemaligen Chip-Tochter drängt und deshalb gestern für rund eine Milliarde Euro Infineon-Aktien verkauft hat. Nachdem der Technologiekonzern seinen Anteil schon im Dezember unter 50 Prozent gedrückt hat, besitzen die Münchener jetzt nur noch wenig mehr als 40 Prozent an Infineon. Wenn Siemens das Tempo beibehält, wird sich das Unternehmen schon zum Jahresende ganz aus Infineon zurückgezogen haben.

Derzeit wird Neubürger beinahe täglich in seinem Trennungsbeschluss von vor drei Jahren bestätigt: Das Risiko eines Engagements bei Infineon ist hoch und der Kapitalbedarf enorm. Dass sich dennoch so viele Kleinanleger Infineon-Aktien ins Depot gelegt haben, zeugt entweder von gehörigem Mut oder schlichter Unwissenheit.

An eine schnelle Erholung der Chipbranche glaubt momentan niemand mehr. Frühestens im zweiten Halbjahr werde sich der Markt wieder aufrappeln, prognostizieren optimistische Experten. Die Durststecke könnte aber auch noch viel länger dauern. Weiterhin drücken gigantische Überkapazitäten und staatliche Subventionen die Preise. Und die lange erwartete Konsolidierung kommt nur langsam voran.

Um die laufenden Verluste zu decken und technologisch auf dem neuesten Stand zu bleiben, muss Schumacher permanent in die Kasse greifen. Denn noch verkauft Infineon vielfach zu Preisen, die unter den Produktionskosten liegen. Auf der Hauptversammlung in anderthalb Wochen sollen die Aktionäre deshalb schon wieder die Voraussetzungen für eine neue Kapitalerhöhung schaffen und dem Infineon-Vorstand auch die Ausgabe weiterer Wandel- und Optionsschuldverschreibungen ermöglichen.

Bis einmal wieder dicke Gewinne wie im Boom-Jahr 2000 fließen, brauchen Infineon-Aktionäre also in jedem Fall einen langen Atem und gute Nerven.

Joachim Hofer
Joachim Hofer
Handelsblatt / Korrespondent München
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%