Der Karmann-Chef lenkt ein Unternehmen, das es in keinem Lehrbuch gibt
Rainer Thieme: Wie geschaffen für die Vermittlerrolle

Wo knirscht es öfter: In Familienunternehmen oder zwischen Autobauern und Zulieferern? Rainer Thieme weiß es, sagt es aber nicht. Mit Diplomatie führt er Karmann in die Zukunft.

Diplomat wollte er nie werden. Dafür ist Rainer Thieme zu geradlinig, zu prinzipientreu, manchmal auch zu hemdsärmelig. Als Chirurg hätte er sich gefallen, als Helfer und Heiler, "weil ich Menschen mag". Und dann ist er doch Diplomat geworden, jedenfalls beinah.

Seit mehr als zehn Jahren führt Thieme den Autozulieferer Karmann in Osnabrück, ein Familienunternehmen und ein traditionsreiches dazu: In diesem Sommer feiert Karmann hundertjähriges Bestehen. Gleichzeitig bemüht er sich um den Interessenausgleich zwischen Autobauern und Zulieferern im Verband der Automobilindustrie (VDA). Für beides ist Diplomatie keine schlechte Voraussetzung.

An den Wegen des Rainer Thieme liegen Tretminen. Der fast 63-Jährige umgeht sie erhobenen Hauptes, stets ruhig und souverän, so, als müsse ihn nicht kümmern, was zu seinen Füßen lauert. Natürlich kümmert es ihn. Manchmal habe ihn die Herausforderung schlecht schlafen lassen, sagt er. Thieme kann sich solche Geständnisse leisten, an seiner Autorität rüttelt so leicht niemand.

Unternehmerfamilien sind vergleichsweise bescheiden

Die drei Stämme der Familie Karmann habe er im Griff wie ein Dompteur, heißt es im Unternehmen. Die Karmanns sind allerdings auch mit mehr Vernunft gesegnet als andere Unternehmerfamilien. Bei der Gewinnausschüttung üben sie Bescheidenheit, und Gründerenkel Wilhelm Dietrich Karmann sitzt mit in der Geschäftsführung.

Die Vermittlerrolle im VDA spielt Thieme ebenso unauffällig. Als der Schlosshersteller Kiekert die Lieferungen an Ford einstellte und damit die Produktion seines Kunden lahmlegte, war Thieme wenig angetan - und half geräuschlos, die Wogen zu glätten. Genauso verschwiegen hat er bereits verloren geglaubte Aufträge für sein Unternehmen zurückgeholt.

Schweigen ist Gold in einem Gewerbe, wo das Licht auf den Kunden zu fallen hat und nicht auf dessen Lieferanten. Nur in diesem Jahr wird die Kundschaft ein Auge zudrücken müssen. Wenn Karmann im August 100. Geburtstag feiert, wird sich die Crème der Autoindustrie in Osnabrück einfinden. Das Scheinwerferlicht wird dann auf den Zulieferer und seine Autos fallen, die selten sein Zeichen tragen.

Ein Unternehmen wie Karmann gibt es in keinem Lehrbuch: ein winziger Autobauer und ein großer Entwicklungsdienstleister, ein Designhaus, ein mittlerer Zulieferer und ein Nischenanbieter im Werkzeugbau. Immer geht es um Großaufträge und ums Projektgeschäft, oft ist Karmann die Feuerwehr, die löscht, wenn es bei den Autokonzernen brennt. Brennt es nicht, beschäftigen die lieber die eigenen Leute. Das hat Karmann Anfang der neunziger Jahre erlebt. Als einige Aufträge platzten, drohte selbst Thiemes die Contenance zu verlieren. Aber er beschränkt sich bis heute darauf, "eine gewisse Bitterkeit über manche Entscheidungen unserer hochverehrten Kunden" anzudeuten und zitiert den Leitsatz seines Vaters für Schiffsoffiziere: "Wenn die auf der Brücke verrückt spielen, braucht sich niemand zu wundern, dass die anderen über Bord springen."

Thieme lehnt "Shareholder Value" ab

Thieme schuftete, holte Fertigung und Entwicklung prestigeträchtiger Mercedes-Modelle ins Haus - und niemand sprang. Die Mitarbeiter sind dem Unternehmen über Generationen verbunden, in den Büros hängt noch das Bild vom alten Wilhelm Karmann.

So ein Umfeld braucht Rainer Thieme. Beim Autositzhersteller Keiper Recaro ist der gebürtige Leipziger in einem Familienunternehmen groß geworden, Angebote von Konzernen lehnte der Ingenieur ab. Das Aufgabenspektrum war ihm zu eng, die höheren Gehälter reizten ihn nicht. Er sieht "mit Bedauern" den Materialismus um sich greifen. Von Ethik und Moral spricht Thieme oft und selbstverständlich, den verstorbenen Bosch-Patriarchen Hans L. Merkle schätzt er wegen dessen Prinzipientreue. Den "missverstandenen Shareholder Value" mit seiner Kurzatmigkeit lehnt er ab.

Thieme denkt langfristig, also auch an den Tag seines Rückzugs Ende nächsten Jahres. Er wird Pläne für einige Eventualitäten hinterlassen. Wenn die Gesellschafter es für nötig halten, können sie den für den Börsengang oder den für strategische Partner herausziehen. Der nächste Karmann-Chef ist schon ausgeguckt, aber noch nicht bekannt. Und Thieme? Bei der Ausbildung des Nachwuchses will er helfen, denn zu oft würden Führungspositionen mit - nein, so sagt er es nicht - engstirnigen Fachidioten besetzt. Thieme bereitet das Unbehagen. "Wir vertrauen denen doch Menschen an", sagt er. "Mit allem Ach und Weh."

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%