Der Kaschmir-Konflikt zählt zu den kolonialen Hinterlassenschaften der Briten
Unterwegs in heikler Mission

Tony Blair startet zu einer heiklen Mission in Richtung Südasien: Der Mann aus der Downing Street will sich einem Konflikt widmen, der zu den Hinterlassenschaften des britischen Kolonialreiches zählt. 1947 war Britisch-Indien nach den Vorgaben der "Zwei-Nationen-Theorie" geteilt und in die Unabhängigkeit entlassen worden. Die Theoretiker in London hatten die Grenze zwischen einem mehrheitlich hinduistischen Indien und dem muslimischen Pakistan gezogen - und dabei das Kaschmir-Problem verdrängt.

HB DÜSSELDORF. Die Gebirgslandschaft mit dem fruchtbaren Kaschmirtal im Herzen, die knapp dreimal so groß ist wie Österreich, wurde von einem hinduistischen Maharadscha regiert. Die Bevölkerung allerdings bestand zu zwei Dritteln aus Moslems. Diese Heterogenität zwischen Mehrheitsbevölkerung und Herrscherhaus, aber auch zwischen unterschiedlichen religiösen Gruppen innerhalb Kaschmirs legte den Grundstein für den Konflikt. Die Briten räumten dem Maharadscha das Recht ein, selbst zu entscheiden, ob er zu Indien oder Pakistan gehören wollte. Als sich der Beitritt zur Indischen Union im Oktober 1947 abzeichnete, reagierte die moslemische Bevölkerung mit Streiks und regionalen Aufständen. Pakistan bezeichnete den Beitritt als illegal und entsandte Truppen "zum Schutz der muslimischen Bevölkerung". Indien, das dem Hilferuf des Maharadschas nur zu gern Folge leistete, schickte ebenfalls Soldaten ins Kaschmirtal.

Absurderweise standen die feindlichen Truppen zu Beginn des Kampfes beide unter britischem Kommando, was den Oberbefehlshaber der indischen und pakistanischen Streitkräfte, den Briten Sir Claude Auchinleck, bewogen haben mochte, sich für eine Vermittlungsmission der Vereinten Nationen einzusetzen.

Wichtigstes Ergebnis der Uno-Bemühungen: Beide Seiten akzeptierten eine Waffenstillstandslinie und vorläufige Grenze. Beide Truppen zogen sich auf ihre jeweilige Seite zurück. Die Idee einer Volksabstimmung der Bewohner Kaschmirs zur Zugehörigkeitsfrage, die ebenfalls unter Uno-Vermittlung beschlossen wurde, verlief durch die tatkräftige Mithilfe aus Indien im Sande. Delhi nämlich zog seine Zustimmung zu diesem Vorhaben mit der Begründung zurück, Pakistan habe sich nicht aus Kaschmir zurückgezogen. Damit seien die Voraussetzungen für ein wirklich freies Referendum nicht gegeben. Da aber auch Indien nicht daran dachte, sich zurückzuziehen, stand Delhis Argumentation auf tönernen Füßen.

Grenze oder Waffenstillstandslinie

Die Waffenstillstandslinie teilt Kaschmir in zwei Gebiete, wobei das indische knapp doppelt so groß ist wie die pakistanische Seite, die den in indischen Ohren provokativen Namen "Azad Kashmir" (Freies Kaschmir) trägt. Indien beharrt bis heute darauf, dass es sich bei der Waffenstillstandslinie um keine Grenze handelt. Diese Sichtweise schlägt sich selbst in indischen Schulbüchern nieder, in denen "Azad Kashmir" als indisches Territorium gekennzeichnet ist. Eine in Edinburgh herausgegebene und international anerkannte Karte des Subkontinents erscheint noch immer in zwei Fassungen: eine für Indien, eine andere für den Rest der Welt, in dem die real existierende Grenze eingezeichnet ist.

Die Trennungslinie hat trotz ihrer Fragwürdigkeit zwei Kriege überstanden. 1965 hatten sich die Gefechte entlang der Waffenstillstandslinie zum Krieg ausgeweitet, der unter der Vermittlung der mit Indien sympathisierenden Sowjetunion beendet werden konnte. Fünf Jahre später führten West- und Ostpakistan, die durch einen 2 000 km breiten indischen Landstreifen voneinander getrennt waren, Krieg. Indien erlag der Versuchung, die Spaltung Pakistans militärisch zu beschleunigen. Zwischen beiden Ländern herrschte wieder Krieg, in dem es diesmal ausnahmsweise nicht um Kaschmir ging. Er endete damit, dass sich Ostpakistan zum unabhängigen Staat Bangladesch erklärte.

Dennoch liefern sich seither beide Atommächte regelmäßig Gefechte. Pakistan fordert die Angliederung des Gebiets, Kaschmirs Separatisten wollen die Unabhängigkeit. Indien dagegen kann sich allenfalls mit einer größeren Autonomie Kaschmirs abfinden. In Delhi besteht ansonsten die Furcht, dass ein unabhängiges Kaschmir Begehrlichkeiten in anderen indischen Provinzen wecken könnte.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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