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Der Koffer bleibt leer

Barcelona-Prozess, Kopenhagen-Kriterien, Maastricht-Vertrag: Eberhard Wisdorff gerät ins Schwärmen, wenn er die Namen dieser Städte hört. Der langjährige Brüsseler Handelsblatt-Korrespondent verbindet mit vielen europäischen Metropolen Höhepunkte seiner journalistischen Karriere.

Barcelona-Prozess, Kopenhagen-Kriterien, Maastricht-Vertrag: Eberhard Wisdorff gerät ins Schwärmen, wenn er die Namen dieser Städte hört. Der langjährige Brüsseler Handelsblatt-Korrespondent verbindet mit vielen europäischen Metropolen Höhepunkte seiner journalistischen Karriere. Von 1984 bis 2001 berichtete Wisdorff über die Entwicklung der Europäischen Gemeinschaft. Der 69-jährige hat während seiner aktiven Berufslaufbahn ganz Europa bereist. Denn zu Wisdorffs Zeiten war die EU-Berichterstattung noch ziemlich aufwendig. Ständig waren die Brüsseler Korrespondenten auf Achse. „In manchen Wochen habe ich nur aus dem Koffer gelebt“, erinnert sich der EU-Kämpe, der zwischen Helsinki und Athen viele Tausend Flugmeilen gesammelt hat.

Wäre Wisdorff heute noch im Dienst, stünde sein Koffer die meiste Zeit des Jahres leer im Keller. Denn der viel zitierte Reisezirkus der EU beschränkt sich inzwischen auf das Europaparlament, das zwölf Mal im Jahr in Straßburg tagt. Nicht immer ist die Tagesordnung der europäischen Völkerversammlung so spannend, dass man da als Berichterstatter hinfahren muss. Hinzu kommen die sogenannten informellen Ministerratssitzungen, die in jenen Ländern stattfinden, die gerade die rotierende EU-Präsidentschaft innehaben. Zu diesen Terminen treffen sich die Fachminister übers Wochenende, um - in meistens wunderschöner Umgebung, einem Schloss oder einem Strandhotel - Themen zu besprechen, die weiter unten auf der Tagesordnung stehen. Es kann aber auch sein, dass sich die Minister über richtigen Konfliktstoff die Köpfe heiß reden. Informelle Ministerräte nutzt die EU-Präsidentschaft gern aus, um Versuchsballons steigen zu lassen und auszutesten, wie weit die Mitgliedsländer bereit sind, der Präsidentschaft in kontroversen Fragen zu folgen.

Die eigentlichen „Highlights“ der EU-Berichterstattung, die regelmäßigen Treffen der Staats- und Regierungschefs, finden hingegen nur noch im trostlosen Ambiente des Brüsseler Europaviertels statt. Europas Staatenlenker sind in Brüssel sesshaft geworden, zum Wohlgefallen des belgischen Premiers Guy Verhofstadt, der sich über den Bedeutungszuwachs für seine von jahrzehntelangen Bausünden verschandelte Hauptstadt freut. Es war Frankreichs Staatschef Jacques Chirac, der im Dezember 2000 während des berüchtigten EU-Gipfels von Nizza die Beschränkung künftiger EU-Spitzenbegegnungen auf Brüssel durchgesetzt hat. Drei Tage und Nächte feilschten Europas Oberhäupter damals. Es ging darum, die EU für die bevorstehende große Erweiterung zu reformieren. Um Verhoftstadt seine Zustimmung zum Nizza-Vertrag schmackhaft zu machen, bot Chirac dem Belgier an, die vier turnusmäßigen EU-Zusammenkünfte pro Jahr nach Brüssel zu verlegen.

So kam es, dass der EU-Berichterstattung seit 2003 das folkloristische Element verloren gegangen ist. „Das Interessante an den Reise-Gipfeln war die Mischung aus absolutem Stress bei der Berichterstattung und abendlicher Entspannung im Kreis der Kollegen“, sagt Wisdorff. „Nach der letzten Aktualisierung für die Spätausgabe traf man sich im Restaurant, aß gut und tauschte dabei die Gipfel-Erlebnisse aus“, erzählt der Handelsblatt-Senior. Wissdorffs Nachfolger erleben zwar den gleichen Stress, wenn sie zum Gipfel-Auftakt in die Katakomben des mächtigen Brüsseler Ministerratsgebäudes hinab gestiegen sind. Doch der Spaßfaktor hält sich erheblich in Grenzen. Der Pressesaal im zweiten Untergeschoss strömt etwa den Charme einer Tiefgarage aus. Wer ein Aufputschmittel braucht, drückt sich einen Plastikbecher aus dem Kaffeeautomaten. Daneben warten in der Glasvitrine schlabberige Sandwichs auf Abnehmer. Seit drei Jahren die gleiche Auswahl, Salami oder Käse und ein Blatt Salat. Wer beim Kauen Butterges chmack wahrnimmt, hat die Luxusversion erwischt. Und nach dem Aktualisieren der Spätausgabe macht sich der Korrespondent auf den Heimweg in sein nahes Appartement. Draußen ist es Nacht, und das Wetter so wie bei jedem Gipfel seit 2003: typischer Brüsseler Nieselregen.

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