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Der Konsument behält die Macht

Der unscheinbare Text alleine, eingeblendet in der unteren rechten Bildschirmecke des Napster-Programms, sagt eigentlich alles: Online sind 20 810 Nutzer, die 5,52 Millionen Files anbieten, die zusammen 23,2 Gigabyte Volumen haben, meldet die Internet-Tauschbörse am Mittwoch gegen 16 Uhr deutscher Zeit. Ein gigantischer Ansturm auf kostenlos ladbare Musik hat eingesetzt. Am Dienstag gegen 19 Uhr, als erste Meldungen über die neue einstweilige Verfügung gegen Napster über die Ticker liefen, waren es noch 1,6 Millionen Files mit gut 6,7 Gigabyte. Millionen Musikstücke finden stündlich neue Besitzer.

Napster-Fans wissen, dass nur noch wenig Zeit bleibt, bis die Gnadenfrist abläuft und Napster auf Anordnung der Gerichte gegen Urheberrechtsverletzungen vorgehen, also die Masse der Musikstücke blockieren muss. Und wenn die neuen Filter keine Wirkung zeigen, wird Napster vom Netz gehen müssen. Zu groß ist das Risiko horrender Schadensersatzforderungen. Dann ist Schluss mit lustig und Musikfans müssen wieder brav in die Läden gehen und eine CD für 30 DM kaufen, nur um ein oder zwei ihrer Lieblingssongs zu hören. So jedenfalls hofft die Industrie. Doch die Rechnung wird nicht aufgehen.

Fakt ist, dass es die Branche schnell geschafft hat, Napster zur Einhaltung von Urheberrechten zu zwingen. Das ist gut so, auch Bankraub würde nicht dadurch legal, weil 60 Millionen Räuber jeden Tag aufs Neue die Safes plündern. Klar ist aber auch, dass die Durchsetzung des Urheberrechts mit großen Schwierigkeiten verbunden ist. Filtersoftware hat noch nie hunderprozentig funktioniert. Zu groß sind Möglichkeiten, sie auszutricksen.

Wichtiger noch: Es hat auch einen fundamentalen Wandel im Verhältnis zwischen Industrie und Kunde stattgefunden. Früher hatten die Hersteller die Macht über Vertrieb, Zeitpunkt einer (Wieder-)Veröffentlichung und Bündelung von Angeboten. Im Internet hat der Konsument diese Macht. Das gefällt ihm und er wird sie nicht wieder zurück geben. Und er muss es auch nicht. Denn er hat Alternativen.

Unkontrollierbare Tauschnetze ohne juristisch angreifbare Firmen-Server wie bei Napster existieren längst. Und je mehr PC sich dort einklinken, um so mächtiger und leistungsstärker werden sie. Und Millionen auch gutwilliger, also zahlungsbereiter Napster-Freunde werden sich dort bedienen, wenn Napster zur bedeutungslosen Web-Plattform verkommen sollte.

Das Problem liegt also darin, dass die untereinander zerstrittenen Musikkonzerne nicht akzeptieren wollen oder können, dass sich die Machtverhältnisse umgekehrt haben. Sie konfrontieren den Konsumenten mit Verboten, ohne ihm gleichzeitig echte Alternativen anzubieten. Doch so wird es nicht mehr funktionieren.

Das Napster-Urteil ist richtig, aber für die Musikindustrie kommt es zu früh. Fast vier Monate Leerlauf bis zum Start eines kommerziellen Napster-Dienstes können Untergrund-Strukturen schaffen, die lange anhalten und mehr schaden könnten, als wenn man Napster kontrolliert auslaufen ließe, um dann im sanften Übergang die Konsumenten mit neuen, attraktiven Angeboten und Dienstleistungen - wie Archivverwaltung, Eventorganisation oder weltweiter Verfügbarkeit von Musiksammlungen - zu ködern, für die er vielleicht sogar zusätzlich bezahlen würde.

Im Ergebnis muss Musik als Dienstleistung so billig werden, das es sich nicht mehr lohnt, sie über das Internet zu klauen. Am Dienstag konnte man von Napster übrigens auch noch das Lied herunterladen, das gut beschreibt, worum sich letztlich doch alles dreht: "Money", von Pink Floyd.

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett
Axel Postinett
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