Der Kurssturz der Telekom kann der deutschen Aktienkultur auf die Dauer mehr nutzen als schaden
Kommentar: Die „Volksaktie“ sollten wir besser vergessen

Im "Großen Wörterbuch der Deutschen Sprache" steht der Begriff zwischen "Volksabstimmung" und "Volksarmee". Im Englischen oder Französischen, den beiden traditionellen Muttersprachen der Börse, gibt es keine Übersetzung für dieses deutsche Wort. Entstanden ist es bereits 1959 bei der Privatisierung der staatlichen Preußen AG, die meisten aber kennen es erst seit wenigen Jahren. Und nun ist es höchste Zeit, die Vokabel schnell wieder zu vergessen: Volksaktie.

Als die Deutsche Telekom am 18. November 1996 an die Frankfurter Börse ging, sprach alle Welt von der "neuen Volksaktie". Für viele Bundesbürger war die T-Aktie in der Tat die erste Begegnung mit einer fremden Börsenwelt. Erst durch sie wurde Geldanlage zum Thema für den deutschen Stammtisch und die deutsche Boulevardpresse ("Oh Gott, was wird aus unserem schönen Geld?"). Hamburger Taxifahrer mutierten über Nacht zu Börsenexperten und brave Berliner Lehrer zu Zockern. In diesem Sinn war die T-Aktie eine echte Volksaktie, die für eine neue kapitalistische Grundstimmung in Deutschland sorgte.

Seit die T-Aktie jedoch immer tiefer stürzt und sich über 400 Milliarden Mark an Börsenwert in Luft auflösten, dreht sich die Stimmung im Volk nun wieder ein gewaltiges Stück zurück. Man wittert Verrat und Betrug, fordert den Kopf der Verantwortlichen und möglichst gleich auch noch neue Börsengesetze. Mit einem Wort: Nun rächt sich das ganze Gerede von der "Volksaktie".

Nicht nur Telekom-Chef Ron Sommer selbst und seine begnadeten Werbestrategen, sondern auch viele Banker und Politiker haben der Aktienkultur langfristig durch eine allzu platte Propaganda für die T-Aktie mehr geschadet als genützt. Und auch wir Journalisten können uns von einiger Mitverantwortung nicht freisprechen. "Volksaktie" - das haben viele missverstanden als Synonym für eine Aktie ohne Risiko. Die T-Aktie wurde von vielen Anlageberatern angepriesen, als sei sie nichts anderes als ein Sparbuch - nur mit wesentlich höheren Zinsen. Natürlich war im Kleingedruckten der Börsenprospekte immer etwas anderes zu lesen, so dass man rechtlich niemandem einen Vorwurf machen kann. Aber psychologisch kam die Botschaft ganz anders an. Die "Volksaktie", so suggerierte die ganze Werbemaschinerie mit Manfred Krug und knalligem Margentarot, wird wie der legendäre Volkswagen: "Und läuft und läuft und läuft."

Eine richtige Aktienkultur wie in den angelsächsischen Ländern wird es in Deutschland erst geben, wenn alle Anleger begreifen: Aktien sind keine Rentenpapiere und erst recht keine Sparbücher. Eine Aktienkultur ohne Risikokultur gibt es nicht. Deshalb ist es auch besonders schädlich, wenn Berliner Politiker nach der Talfahrt am Neuen Markt nichts Eiligeres zu tun haben, als schärfere gesetzliche Auflagen zu fordern. So schürt man nur die in Deutschland ohnehin so beliebte Illusion vom allmächtigen Übervater Staat, der uns vor jeder Unbill des Lebens schützen und daher möglichst auch noch jeden Kursrutsch an der Börse verhindern soll. Zu einer Aktien- und Risikokultur gehört aber vielmehr die Erkenntnis: Für seine privaten Vermögensentscheidungen ist jeder am Ende ganz allein selbst verantwortlich.

Vielleicht kann der Fall der T-Aktie dabei helfen, noch eine zweite Illusion in Deutschland zu zerstören: Privatisierte Staatsbetriebe gelten in Deutschland als besonders solide Unternehmen - und "Volksaktien" daher als geradezu mündelsicher. In Wahrheit zeigt die historische Erfahrung weltweit das genaue Gegenteil: Die Aktien ehemaliger Staatsunternehmen sind in der Regel viel riskanter als die Papiere erzkapitalistischer Privatfirmen.

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