Der langjährige Politiker ist Chef des norwegischen Mischkonzerns Norsk Hydro
Eivind Reiten: Der Kämpfer aus Midsund

Mit der Übernahme von VAW will Reiten an die Spitze der Aluminiumbranche vorrücken. Der Manager, der bislang als eher schüchtern galt, beweist damit ungeahnten Mut.

Kommt man aus der Provinz, muss man ein richtiger Fighter sein, um zu bestehen. Eivind Reiten ist so ein Kämpfer. Er hat sein Geburtsdorf Midsund nördlich von Bergen früh hinter sich gelassen und ist hinausgezogen in die große Welt Norwegens, um es allen zu zeigen.

Bisher ist ihm das eindrucksvoll gelungen, seit einem Jahr leitet er mit Norsk Hydro das zweitgrößte Industrieunternehmen des Landes. Der Weg bis an die Spitze des Mischkonzerns mit Aktivitäten in der Öl- und Gasexploration, in der Düngemittel- und Leichtproduktion verlief geradlinig, wenn man von Reitens Abstechern in die Politik absieht. Und seine kurzen Gastspiele auf den Korridoren der Osloer Machtzentrale sind keine Umwege gewesen, schon eher Zufahrtsstraßen.

Dabei dürfte der Jagdinstinkt eine nicht unwesentliche Rolle gespielt haben. Das Gespür des passionierten Jägers für die richtigen Kontakte zur richtigen Zeit hat ihn bisher nie verlassen. Schon die Entscheidung zum Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Universität in Oslo zeugt vom richtigen Riecher. Viele seiner Wegesgenossen in Wirtschaft und Politik haben die gleichen Hörsäle besucht.

"Wonderboy der Zentrumspartei"

Reiten trat in die bäuerliche Zentrumspartei ein, der die Erhaltung der norwegischen Landwirtschaft bis heute besonders am Herzen liegt. Dass gerade diese Partei mit ihrem unversöhnlichen "Nein zur EU" das Land bei zwei Volksabstimmungen gespalten hat, passt zwar so gar nicht in das Bild des international denkenden Managers, aber was soll?s: Staatssekretär im Finanzministerium, dann Fischereiminister, dazwischen ein erstes Gastspiel als Abteilungsleiter bei Norsk Hydro und zuletzt zwischen 1990 und 1991 Öl- und Energieminister - dem "Wonderboy der Zentrumspartei", wie Reiten eine Weile genannt wurde, stand eine große politische Laufbahn bevor.

Doch der Mann muss schnell gemerkt haben, dass die wahren Schalthebel ganz woanders sitzen. Da schadete es kaum, dass die bürgerliche Koalitionsregierung, der er angehörte, an der Frage einer eventuellen Mitgliedschaft in der Europäischen Union zerbrach. Reiten orientierte sich schnell neu und kam ebenso schnell wieder bei Norsk Hydro unter.

Jung, begabt und mit vielen Türen zur Macht immer in Griffnähe hinterließ er bei dem halbstaatlichen Konzern einen bleibenden Eindruck. Die Chefsessel drehten sich Norsk Hydro immer schneller, doch Reiten wurde nicht schwindelig: In den vergangenen zehn Jahren saß er auf vier verschiedenen Direktorensesseln. Und jetzt thront er ganz oben.

Der Amtsstubenmief soll weg

Im Frühjahr 2001 Jahres trat er die Nachfolge von Egil Myklebust an der Konzernspitze an. Zuvor war er als Kandidat für den Chefposten beim Konkurrenten Statoil gehandelt worden, und wäre nicht die geplante schwedisch-norwegische Telekom-Ehe von Telia und Telenor in letzter Sekunde gescheitert, wäre Reiten heute vermutlich Chef des fusionierten Unternehmens. Vor ein paar Jahren hatte man ihm sogar den Posten des Zentralbankchefs angeboten, heißt es. Er selbst will dazu nichts sagen - egal, er ist ja Norsk Hydro treugeblieben.

Dort hat er in den kommenden Jahren auch noch einige schwere Brocken aus dem Weg zu räumen. Obwohl sein Posten offiziell noch immer der eines Generaldirektors ist, will er offenbar den Amtsstubenmief aus dem Konzern auskehren. Der staatliche Anteil von derzeit 44 Prozent soll reduziert werden, sagt er. Gestern kündigte Reiten außerdem an, dass bis Ende kommenden Jahres Beteiligungen und Tochtergesellschaften für insgesamt rund 1,2 Milliarden Euro verkauft werden sollen. Nach der Übernahme von VAW Aluminium am Montag will Reiten seinen Konzern neu strukturieren. Wie das genau aussehen soll, will er aber nicht sagen. Nur so viel: "Wir müssen flexibel bleiben."

Reiten zählt zweifellos zur Managerelite des Landes. Wer sich nun den sportlich-dynamischen Boss mit Sportwagen und Jetset-Flair vorstellt, wird tief enttäuscht. Der zweifache Familienvater wirkt unscheinbar, ja fast schüchtern. Ganz anders also als Kjell Inge Røkke, das Enfant Terrible der norwegischen Wirtschaft, der jetzt den Schiffsbauer Kvaerner kontrolliert.

Eine Gemeinsamkeit haben Reiten und Røkke dennoch: Beide sind Kämpfer, schließlich stammen beide aus der gleichen Gegend nördlich von Bergen.

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V I T A

Eivind Reiten ist 1953 in Midsund geboren. Nach seinem Wirtschaftsstudium schlug er zunächst eine politische Laufbahn bei der EU-feindlichen Zentrumspartei ein. Als Staatssekretär und späterer Minister (erst für Fischerei, dann für Öl und Energie) baute er sich ein engmaschiges Kontaktnetz auf. Das erleichterte ihm den Wechsel in die Wirtschaft. Heute zählt der Norsk-Hydro-Chef zu den gefragtesten Managern des Landes.

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
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