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Der Lauscher in der Luft

Wirtschaftsspione können Handy-Gespräche von Managern und Ministern problemlos belauschen. Ein Münchener Unternehmen verspricht Abhilfe.

HB. Das Dementi kam umgehend: Am vorvergangenen Wochenende meldete das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel", Bundeskriminalamt, Bundesgrenzschutz und Polizei belauschten "illegal" die Handy-Telefonate von Verdächtigen. Mit einem Gerät namens "IMSI Catcher" ließen sich in einem bestimmten Umkreis alle eingeschalteten Mobiltelefone überwachen. Stimmt nicht, erklärte eine Sprecherin des Bundesinnenministeriums noch am Sonntag: Die Fahnder könnten nur den Standort des Telefonierers orten - nicht aber die Gespräche mithören.

Fakt ist: Der derzeitige Mobilfunkstandard GSM bietet den Nutzern sogar nach Angaben aus behördlichen Sicherheitskreisen kaum Abhörschutz - für versierte Wirtschaftsspione sei das Belauschen von Handygesprächen ein Leichtes. Jederzeit könnten Profis Gespräche mithören und Daten abfangen. "Der Informationsfluss kann von Dritten unbemerkt in ein anderes Netz umgeleitet, mitgehört, kopiert und ausgewertet werden", warnt Christoph Ruland, Chef des Instituts für Nachrichtenübermittlung an der Universität Siegen. "Die Entschlüsselung ist bereits nach zwei Sekunden möglich. Dies machen sich Kriminelle und Wirtschaftsspione zunutze."

Netzbetreiber stellen die Sache anders dar: "Das halte ich für nicht möglich", sagt Rainer Liedtke, Sicherheitschef von E-Plus. Es sei "nahezu ausgeschlossen, dass jemand die Funkwellen zwischen Handy und Basisstation abhört" - die Kommunikation sei verschlüsselt, der Code "nahezu unknackbar". Ein T-Mobil-Mitarbeiter, der namentlich nicht zitiert werden will, meint: "Dafür wäre ein erhebliches Maß an krimineller Energie und technischem Wissen nötig."

Für Handy-Nutzer, die sich darauf nicht verlassen wollen, verspricht das Unternehmen Rohde und Schwarz SIT, eine Tochter des Münchener Messtechnik-Spezialisten Rohde und Schwarz, Abhilfe: Im Juni hat die Firma das nach eigenen Angaben "weltweit erste abhörsichere Mobiltelefon" auf den Markt gebracht, bei dem Schnüffler das Nachsehen haben sollen. Von außen ist das Krypto-Handy nicht von einem herkömmlichen Mobilgerät zu unterscheiden, es sieht aus wie ein Siemens S35i. Doch im Inneren des Topsec GSM getauften Handys steckt ein briefmarkengroßes Modul voller Codierungstechnik. Die Zahl der Gesprächspartner ist allerdings arg beschränkt: Nur die Besitzer baugleicher Mobiltelefone können Geheimkonferenzen abhalten.

Das Telefonieren funktioniert im Prinzip wie bei jedem gewöhnlichen Handy - vor dem Gespräch aktiviert der Benutzer nur die Funktion "Krypto". Das Gerät schaltet dann intern vom normalen Sprach- auf den Datenkanal um. "Das gesprochene Wort wird digitalisiert und als verschlüsselter Datenstrom übertragen", sagt Volker Schneider, Vertriebsleiter bei Rohde und Schwarz SIT. Qualitätseinbußen gebe es keine, allerdings komme die Konversation durch das Chiffrieren etwas zeitversetzt beim Gegenüber an - jedoch nur einige Millisekunden.

Technisch ist das Verfahren höchst kompliziert, es kommen zwei verschiedene Kodier-Algorithmen zum Einsatz: Zunächst einigen sich beide Geräte nach dem Zufallsprinzip auf einen Code, mit dem das Gespräch chiffriert wird - dafür steht ein Fundus von 10 hoch 38 Schlüsseln, einer Eins mit 38 Nullen, zur Verfügung. Um auszuschließen, dass Unbefugte den Schlüssel unterwegs abfangen, wird der Austausch-Vorgang selbst ebenfalls kodiert - mit einem asymmetrischen 1024-Bit-Algorithmus. Das alles dauert etwa 10 bis 15 Sekunden, danach ist die abhörsichere Verbindung aufgebaut.

"Wir haben die Technologie im In- und Ausland getestet", sagt Schneider: "Die Geräte funktionieren unabhängig vom Netzbetreiber." Einzige Voraussetzung sei, dass die Handys für die Datenkommunikation freigeschaltet seien.

Grundlage der Technologie ist eine Entwicklung aus dem Hause Siemens: Schon im vergangenen Jahr hatten Forscher des Konzerns ein Verfahren entwickelt, mit dem sich die mobile Kommunikation durchgängig von Handy zu Handy verschlüsseln lässt. Inzwischen ist die Siemens-Abteilung Hardware-Verschlüsselung, die die Kryptotechnik entwickelte, samt des neuen Mobiltelefons an Rohde und Schwarz verkauft worden. 20 000 bis 30 000 Krypto-Telefone will das Unternehmen bis Ende 2002 absetzen - und hat zwei Kundengruppen im Visier: einerseits Polizeibehörden und Ministerien, andererseits große Unternehmen, die sich vor Industriespionage schützen wollen. "Das ist kein Produkt für Lieschen Müller, die ihre privaten Gespräche verschlüsseln will, sondern etwas für Minister und Top-Manager", sagt Schneider. Allein der Preis dürfte die Privatnutzer abschrecken: das Sicherheits-Handy kostet 3 200 pro Stück.

Trotz des stolzen Preises gebe es aber eine "atemberaubende Nachfrage", berichtet Stefan Boettinger, Sprecher von Rohde und Schwarz. Namen von Käufern nennt das Unternehmen freilich keine: "Wir haben bereits viele Kunden aus Unternehmen und Behörden, die aber ungenannt bleiben möchten."

Auch die potenziellen Nutzer halten sich bei Anfragen nach dem Handy äußerst bedeckt. Kein Kommentar, lautet die immer gleiche Antwort von Konzernen, Parteien und Regierungsstellen - zum Thema Kommunikationssicherheit sage man prinzipiell nichts in der Öffentlichkeit. "Die reagieren richtig irrational, wenn man sie fragt, ob sie schon einmal ausgespäht wurden", sagt Rolf Eckerts, Geschäftsführer der Kölner Beratung E-Business Consult. Vielen sei es "peinlich, so reingelegt worden zu sein", weiß auch Jürgen Wittmann vom Verein für Sicherheit in der Wirtschaft.

Doch bei allem Aufwand an Kryptografie - auf Dauer halten die Sicherheitsbarrieren nicht, sind sich die Verschlüsselungsexperten einig. Die Decodierung ist in der Regel eine Frage von Zeit, Aufwand und technischem Fortschritt. Philip Zimmermann, Erfinder der Sicherheitssoftware Pretty Good Privacy, meint: "Der einzige nachweislich vollkommen sichere Code verwendet einen Schlüssel, der von gleicher Länge wie die Nachricht ist und nur einmal verwendet wird."

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