Der leise Abschied von Vodafone-Chef Chris Gent
Vorhang für den Dealmaker

Sie währte nur ganz kurz, die kleine Trauerpause. Doch hinter den dicken Brillengläsern flatterten die Augenlider von Chris Gent am Ende der Bilanzpräsentation doch etwas schneller. Eher unbeholfen hielt sich der 55-Jährige auf der Bühne im Londoner Savoy-Hotel an seinem Wasserglas fest. Kein Beifall, keine Blumen. Ein verlorener Blick ins weite Rund, dann ein tiefer Schluck. "Nun ist es wohl Zeit, an meinen Nachfolger zu übergeben", befreite sich schließlich der Vodafone-Chef mit belegter Stimme.

LONDON. Vorhang für einen der mächtigsten Manager der Welt. In den kommenden Wochen wird er die Konzernführung an den früheren Vodafone-Manager Arun Sarin abgeben. Der 48-jährige Nachfolger sitzt noch brav in der ersten Reihe. Erst am Ende tritt er ans Mikrofon, um seinem Lehrmeister Chris zu danken. "Du hast Vodafone groß gemacht", lautet das knappe Lob.

Gents Abgang bedeutet für den britischen Konzern einen Kulturwechsel. Hier der smarte Sarin, der im amerikanischen Slang die Zukunft von Vodafone preist. Dort der hemdsärmelige Gent, der zu Beginn sein Sakko abgelegt hat und nun mit breiten Hosenträgern auf der Bühne steht. "Ich werde nun Firmen-Pensionär und bleibe einer der größten Aktionäre", poltert er lachend.

Abgesehen davon, dass Gent meist in einer Limousine unterwegs ist - in der Londoner U-Bahn würde der nette Herr mit dem lichten Haar kaum auffallen. Problemlos könnte er sich mit seinem Maßanzug in das tägliche Heer der Banker und Broker einreihen, die in die City pendeln müssen. Auch als rüstiger Frührentner auf dem Weg in den Park zum Taubenfüttern ginge er durch. Doch im Saal des feinen Savoy, direkt am Londoner Themseufer, ist alles anders. Hier steht Gent im Rampenlicht der Weltpresse. Und an diesem bewölkten Mittag blicken alle noch genauer auf zu dem Mann, der in wenigen Jahren aus dem mittelgroßen Unternehmen Vodafone den größten Mobilfunkanbieter der Welt geschmiedet hat.

Zum Vergleich: Vodafone startete am selben Tag wie der Mobilfunkarm von British Telecom (BT). Heute ist der Konzern in 36 Ländern vertreten und hat knapp 120 Millionen Kunden - ob auf den Fidschi-Inseln, in Kenia oder im hessischen Witzenhausen. Die inzwischen von BT abgespaltene Mobilfunktochter O2 ist dagegen nur noch in drei europäischen Ländern aktiv und kommt gerade auf knapp 19 Millionen Kunden.

Ausgerechnet der E-Mail-Hasser Gent hat die Telekombranche aufgemischt. "Sie werden mich niemals irgendwo in einer Ecke eines Flughafens sehen, wie ich wild auf einem Laptop tippe", frotzelt er auch zum Abschied im Savoy über seine Nutzung der Technik. Darum sei für die neue UMTS-Welt auch Sarin der bessere Konzernlenker.

Doch die internationale Expansion von Vodafone wird stets mit Gents Namen verbunden bleiben. Vor allem die Milliarden-Übernahmen des US-Konzerns Airtouch im Jahr 1999 und die Schlacht um Mannesmann ein Jahr später haben ihn berühmt und berüchtigt gemacht. Gerade in den deutschen Medien gilt Gent seitdem als harter Dealmaker oder auch als gieriger "Hai" .

Er sei in Verhandlungen einfach nur sehr geschickt und durchaus zu Kompromissen bereit, sagen dagegen Insider. "Vor allem aber ist sein Timing unfehlbar", bewundert ihn sein Nachfolger Sarin. Während sich so Ex-BT-Chef Peter Bonfield hoffnungslos in der Expansion seines Konzerns verrannt hatte, strickte Gent mit Zukäufen und Abkommen ein weltweites Netz.

Dabei verlief sein Leben zunächst eher unspektakulär. Als Halbwaise im englischen Mittelstand aufgewachsen, schaffte es Gent im Land der Oxbridge-Elite ohne ein Studium nach ganz oben zu kom-men. Er spricht nicht so gern darüber, wie er auch alle privaten Fragen abblockt. Ihm etwas Intimes zu entlocken sei "wie Zähne ziehen", hat mal eine Zeitung geschrieben.

Gent bleibt so eine unklare Figur, zwischen schrulligem Manager und geschicktem Strategen. Gefestigt hat er allerdings selbst das Bild vom britischen Vorzeige-Konservativen: Ein begeisterter Cricket-Fan, Golfspieler und aktiv in der Tory-Partei. Und dazu einen Bentley und einen Aston Martin in der Garage. Nur, dass er sich für den Euro stark macht, passt nicht recht ins Bild.

Der Gentleman Gent findet allerdings nicht immer die passenden Worte. Seine spöttische Bemerkung über Mannesmann-Chef Esser haben viele nicht verstanden, auch den Streit um seinen Millionen-Bonus hat er wenig souverän gemanagt. Und die Spendenbitte seines früheren Schuldirektors hat Gent, zum zweiten Mal verheiratet und vierfacher Vater, brüsk zurückgewiesen. "Die Wahrheit ist, dass ich meine Schultage nicht genossen und keine guten Erinnerungen daran habe", schrieb er zurück. Gent ist ein Mensch, der verletzt und auch verletzbar ist.

Jetzt schreitet er ans Rednerpult, um ein letztes Mal den Konzernausblick zu verkaufen. Geschliffen trägt er seine Zahlen vor. Emotionen in der Öffentlichkeit gehören nicht zu seinen Stärken. Auch nicht heute. Bis auf die kleine Trauersekunde.

Chris Gent

1948: wird er am 10. Mai im südenglischen Küstenort Gosport (bei Portsmouth) geboren.
1967: startet er als Management Trainee bei der National Westminster Bank.
1971: wechselt er zu Schroder als Computer Service Manager. Außerdem ist er von 1977 bis 1979 Vorsitzender der britischen Jungkonservativen.
1979: wird er Managing Director der IT-Firma Baric.
1985: wird er Managing Director der Mobilfunkfirma Vodafone, die aus Racal entsteht.
1997: wird er Chief Executive Officer der Vodafone plc.
2003: gibt er im Juli die Führung an Nachfolger Arun Sarin ab.

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