Der Liffe-Chairman liebt das Ballonfahren
Brian Williamson: Feldherr mit gutem Überblick

Um die Londoner Terminbörse tobt eine heftige Übernahmeschlacht. Aber nicht die Angreifer, sondern der Anführer der Verteidiger diktiert die Bedingungen.

LONDON. Eigentlich ist Brian Williamson ein umgänglicher Mensch. Der Chairman der London International Financial Futures and Options Exchange (Liffe) kann nicht nur charmant plaudern. Er ist auch ein fürsorglicher Gastgeber. Besucher der Liffe-Zentrale in der City geleitet Sir Brian am Ende der Zusammenkunft persönlich bis zum Ausgang des Gebäudes.

Wer aber in Williamsons Gegenwart von einer "Übernahme" der Londoner Terminbörse spricht, erlebt einen anderen Menschen. "Wir haben die Liffe nicht zum Verkauf angeboten", sagt er mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldet. Mögliche Partner müssten schon überzeugende Argumente bieten, damit das Liffe-Management "den Aktionären empfiehlt, ihre Anteile zu verkaufen". Nein, das Wort Übernahme klingt in Williamsons Ohren viel zu passiv.

Der 56-Jährige will nicht Opfer, sondern handelnder Akteur sein. So diktiert er den möglichen Kaufinteressenten einen Zeitplan für ihre Übernahmeangebote (bis Ende des Monats), legt einen Mindestpreis fest (angeblich 16 Pfund je Aktie), und er entscheidet mit seinen Kollegen im Liffe-Board darüber, welche Angebote abgelehnt und welche in die engere Auswahl kommen. Inwieweit er dabei von seinen beiden US-Hauptaktionären geschoben wird, bleibt freilich unklar. Die halten zwei Fünftel der Liffe-Anteile und dürften deshalb besonders an einem hohen Übernahmepreis interessiert sein.

Dass die Liffe überhaupt zu einem begehrten Übernahmeziel geworden ist, ist vor allem Williamsons Werk. Als er 1998 zum zweiten Mal den Posten des Chairmans übernahm, stand er vor einem Scherbenhaufen. Die paneuropäische Terminbörse Eurex hatte der jahrelang herrschenden Nummer eins den Rang abgelaufen. Eurex hatte den Bund Future quasi über Nacht auf ihre elektronischen Systeme geholt und damit der Liffe das lukrativste Geschäft weggenommen. Zudem galt das damalige Management als arrogant und unnahbar. Williamson selbst sprach beim Beginn seiner zweiten Amtszeit von einer "zutiefst demütigenden Situation". Doch davon ließ er sich nicht beirren. Der Chairman, der wegen seines zurückhaltenden Auftretens oft unterschätzt wird, verabschiedete sich bald vom "Open Outcry"-System, also dem Parkett mit schreienden Händlern. Er setzte auf ein eigenes elektronisches System, Connect, senkte radikal die Kosten und machte die Liffe konkurrenzfähig. Freilich gab es auch Kritik - allein in diesem Jahr fiel der Handel sechsmal mehrere Stunden aus. Dank Connect dominiert die Liffe den Terminmarkt für kurzfristige Zinsprodukte. Auch bei Aktienmarkt-Derivaten spielt die Liffe eine wichtige Rolle. Kein Wunder also, dass sich mit Euronext, London Stock Exchange und Deutscher Börse die wichtigsten Spieler in Europa für die Liffe interessieren.

Avancen für die Londoner Terminbörse gab es offenbar schon Anfang 2001. Auf Anraten seiner Berater von Credit Suisse First Boston entschloss sich Williamson aber erst Ende September, dies publik zu machen.

Williamson war nach einer Karriere in verschiedenen - unter anderem von ihm selbst gegründeten - Handels-Häusern schon einmal Liffe-Chairman, zwischen 1985 und 1988. Danach wechselte er auf den Chefsessel des Brokerhauses Gerrard Ltd., von dem er 1998 wieder zurückkehrte. Williamson hatte immer viele Ämter. Derzeit ist er unter anderem noch Chairman des Beirates der Nasdaq. Die US-Technologie-Börse benutzt ebenfalls die Technologie der Liffe.

Beruflich hat sich Williamson sein ganzes Leben mit Derivaten beschäftigt, privat frönt er eher ausgefallenen Hobbys. Neben Fischen und schnellen Autos besitzt er mehrere Wasserstoffballons. Williamson, dem der Ruf eines kühl kalkulierenden Menschen vorauseilt, ist aber auch ein politischer Mensch. Zweimal hat sich der Anhänger der konservativen Partei - erfolglos - für Wahlkreise der Tories beworben. Zudem ist Williamson Mitglied des etablierten Think Tanks "Politea".

Wenig hält der Vordenker von der grenzüberschreitenden Einheitswährung Euro. Wenig hält er auch von der Gigantomanie einiger Angreifer, mit der Liffe-Übernahme allein ein noch größeres Börsenimperium zu schaffen.

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