Der Lufthansa-Chef kämpft um sein Lebenswerk
Jürgen Weber: Der Chefpilot mit Bodenhaftung

Er hat Europas zweitgrößte Fluggesellschaft erfolgreich saniert. Doch im zehnten Jahr an der Lufthansa-Spitze steht Jürgen Weber vor einer schwierigen Mission: Er muss dafür sorgen, dass der Kranich trotz lahmender Konjunktur nicht ins Trudeln gerät.

Jürgen Weber hat seine Flugzeuge immer im Auge. Aus dem weißen Panoramafenster seines Büros im sechsten Stock des Lufthansa-Hauptquartiers hat der Vorstandsvorsitzende einen guten Blick auf das Rollfeld des Frankfurter Flughafens. Aber der drahtige Manager dürfte schon mal mehr Freude bei seiner Aussicht empfunden haben. Die abflauende Weltkonjunktur und der harte Tarifkampf mit den Piloten haben sich wie ein Schatten über die Airline gelegt.

Doch Jürgen Weber ist ein Kämpfer, der schon manche Schwierigkeit bei der Lufthansa bewältigt hat. Seit zehn Jahren steuert er jetzt schon Europas zweitgrößte Fluggesellschaft. Die Sanierung des maroden Unternehmens Anfang der 90er-Jahre war gewiss seine größte Bewährungsprobe. Er hat sie bestanden und das Unternehmen wieder nach oben geführt.

Doch ausgerechnet auf der Zielgeraden der erfolgreichen Weber-Ära muss sich der Vorstandschef erneut gegen einen massiven Abwärtstrend stemmen. Erstmals seit acht Jahren musste er im Halbjahr rote Zahlen vorlegen. Trotzdem will Weber bis Jahresende wieder einen deutlichen Gewinn einfliegen, auch wenn Analysten sein Ziel für "ambitioniert" halten.

Tarifkonflikt riss tiefe Gräben auf

Mit aller Macht will der Lufthansa-Chef verhindern, dass der Wachstumspfad verlassen und die strenge Kostendisziplin der vergangenen Jahre aufgegeben wird. Dafür war er auch bereit, es zum Arbeitskampf kommen zu lassen. Doch nur schwer verwindet er, dass sich im Tarifkonflikt seine eigenen Führungsleute aus dem Cockpit beinhart gegen Unternehmen und Vorstand stellten. "Es sind tiefe Gräben aufgerissen worden, die von allen Beteiligten jetzt wieder zugeschüttet werden müssen", grummelte Weber noch kürzlich.

Der sachlich und nüchtern wirkende Vorstandschef, der 1999 zum Manager des Jahres gekürt wurde, kann durchaus ungeduldig reagieren, wenn er auf Widerspruch stößt. Dann bricht sein Kampfgeist durch, und der Vater von zwei erwachsenen Kindern ist kaum mehr zu halten. Der Streik ging ihm sichtlich an die Nieren: "Es war sicher besser, dass ich in jener Zeit keine Interviews gegeben habe."

Wie kaum ein Zweiter identifiziert sich Weber, der in der Öffentlichkeit gern Krawatten in der Konzernfarbe Gelb trägt, mit der Lufthansa. Kein Wunder: Er arbeitet bereits seit 34 Jahren für die Airline. Direkt von der Technischen Hochschule Stuttgart war der Luftfahrtingenieur 1967 zur Fluglinie mit dem stilisierten Kranich im Emblem gewechselt und dort rasch aufgestiegen - vom Techniker bis zum Technikvorstand.

Weber gilt als Architekt der erfolgreichen Star Alliance

Aber nur wenige trauten ihm den überragenden Sanierungserfolg zu, als er 1991 Heinz Ruhnau an der Spitze der damals faktisch insolventen Fluggesellschaft ablöste. Weber war erst wenige Monate zuvor zum stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden berufen worden und bis dahin kaum öffentlich in Erscheinung getreten.

Doch dem peniblen Diplom-Ingenieur aus Lahr im Schwarzwald gelang das scheinbar Unmögliche: Mit scharfen Einschnitten sowie einem rigiden Sparkurs, der einen Lohnverzicht der Belegschaft einschloss, riss er das Ruder herum. Dass die Lufthansa heute wieder zu den profitabelsten Fluggesellschaften zählt, ist auch zu einem großen Teil sein persönlicher Verdienst. Den größten Coup landete der passionierte Skifahrer mit der Gründung der Star Alliance, einem großen Netzwerk internationaler Fluggesellschaften, als deren Architekt er gilt.

Potenzielle Nachfolger haben sich in Stellung gebracht

Doch trotz vieler Erfolge: Der harte Sanierungskurs hat Webers Denken bis heute geprägt. Die Erfahrung, mit strikter Kostenkontrolle die Wettbewerbsfähigkeit zu sichern, blieb seine Maxime. Schon vor dem spektakulären Pilotenstreik entwickelte Weber deshalb das neue Konzernprogramm D-Check, um die steigenden Kosten abzufedern. Mit D-Check will der Lufthansa-Chef den Konzern in den nächsten Jahren genau unter die Lupe nehmen und die Effizienz weiter steigern. Der Name erinnert an die routinemäßigen Flugzeuginspektionen, bei der die Maschine bis in kleinste Detail durchgecheckt wird.

Gerne würde sich der bekennende HSV-Fan Weber mit guten Zahlen aus seinem Amt verabschieden. Am 17. Oktober feiert Weber seinen 60. Geburtstag. In zwei Jahren hat er also die bei Lufthansa übliche Altersgrenze erreicht und wird vermutlich in den Aufsichtsrat wechseln. Da denkt auch ein aktiver Vorstandschef schon einmal an das Vermächtnis. Als Nachfolger haben sich die Vorstände Wolfgang Mayrhuber, Stefan Lauer und Karl-Ludwig Kley in Stellung gebracht.

Bis dahin wird Weber aber noch hart daran arbeiten müssen, dass weder Konjunkturflaute noch Streikfolgen seinen würdigen Abgang stören.

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