Der Manager von Bayer 04 Leverkusen hat Kultstatus
Reiner Calmund: Der mit der Unterbauchhose

Gegen Real Madrid reichte es für Bayer Leverkusen nicht zum ersehnten Titelgewinn. In solchen Momenten leidet vor allem einer: Manager Reiner Calmund.

GLASGOW. Beim Bankett nach Mitternacht hatte er sich bereits wieder gefangen. Einigermaßen zumindest. Reiner Calmund hielt seine finale Champions-League-Rede. Er verdeutlichte gegenüber Mannschaft, Sponsoren und Journalisten, dass die Fußballabteilung von Bayer Leverkusen auch nach dem 1:2 gegen den spanischen Superclub Real Madrid und dem dritten zweiten Platz innerhalb von zwölf Tagen nicht von ihrer Linie abweichen wird. "Pinkel nicht höher als du kannst", sagte der Manager mit den ihm eigenen Worten. Und: "Wir behalten unsere Bleischuhe an."

Calmunds anschauliche Formulierungen machten klar, dass der Klub nicht daran denkt, mit den üppigen Einnahmen aus der so genannten Meisterliga und den zu erwartenden Summen aus Spielerverkäufen Großinvestitionen zu tätigen oder bisherige Leistungsträger mit doppelten oder dreifachen Bezügen zu halten. Was sich bodenständig und vernünftig anhört, ist allerdings zugleich das Eingeständnis, dass der Werksklub wohl auch in Zukunft mit der Rolle des Vize leben muss.

Viele XXL-Tränen im Stadion vergossen

Was allein deswegen schade ist, weil der geschiedene 53-Jährige, der mit einer wesentlich jüngeren Partnerin zusammenlebt, im Falle eines Titelgewinns gewiss zu verbaler Höchstform auflaufen würde. Der Mann, der in den vergangenen Wochen in den Stadien einige XXL-Tränen vergoss, kann seine Vergangenheit als Büttenredner im rheinischen Karneval nicht leugnen - selbst in Stunden der Niederlage nicht. Die Öffentlichkeitsarbeit der Leverkusener wird im Prinzip von Calmund im Alleingang bestritten. Mit Leib und Seele, denn er sagt selbst, dass er die Präsenz in Funk, Fernsehen und Zeitungen genießt.

Sportredakteure wissen, dass der Manager eigentlich immer für sie da ist und Interview-Wünsche - wenn irgendwie möglich - erfüllt. Mit etlichen Journalisten telefoniert er mehrmals täglich. Die ständigen Bayer-Berichterstatter werden selbstverständlich geduzt und sind ab und an auch so etwas wie Ratgeber. Er lässt sich von ihnen "Calli" nennen, und diese Vertrautheit lenkt ihn davon ab, dass er doch eigentlich in einem ziemlich ernsten Business arbeitet.

Witz statt Wahn

Calmund bedient mit seiner karnevalistischen Ader all jene, die im Profigeschäft Witz statt Wahn suchen. Wobei der dickste Manager der Liga, der auch nach der unglücklichen Glasgower Finalniederlage seine Unterbauchhose immer wieder zurechtzupfen musste, letztlich doch in beiden Kategorien zu finden ist. Er selbst bezeichnet sich denn auch gern als "positiv Verrückten". Und die meisten, die mit ihm zu tun haben, bestätigen diese Einschätzung.

Calmunds stetes Bemühen, die Sprache der Basis zu sprechen, kann bisweilen aber zu Komplikationen führen, zum Beispiel wenn es um vermeintliche Schicksalsfragen der Bundesliga geht. Wenn etwa die Kirch-Krise zum medialen Wirtschafts- und Fußball-Hype wird und einer wie Calmund auf allen Fernsehkanälen auftaucht, dann rutschen ihm schon mal Sachen heraus, die die Kollegen andernorts und auch in den eigenen Reihen zusammenzucken lassen. Bei Sabine Christiansen sitzt er dann zwischen Politprominenz und plappert unzensiert daher, im Sportstudio redet er sich in Rage und hält einen Monolog von ungefähr zehn Minuten Länge. So ist er, der Calli.

Seine Freunde von der Bild-Zeitung, die mit ihm schon eine öffentliche Abspeckkur durchzogen und unterm Strich doch nichts an der Statur des runden Fußball-Entertainers ändern konnten, machten sich zuletzt ernsthaft Sorgen um das Wohlbefinden ihres munteren Informanten. Infarktgefährdet sei er, irgendwann würde der massive Körper all die beruflichen Enttäuschungen nicht mehr aushalten. In solchen Momenten verweist Calmund dann gern auf seine "Blut-, Fett- und sonstigen Werte, die besser sind als bei den meisten Journalisten".

Bei Bayer lassen sie ihn gewähren, weil er schon seit einer kleinen Ewigkeit die Geschicke ihrer Fußballabteilung lenkt und ein wenig den Kontrapunkt zur nüchternen Chemieindustrie darstellt. Im Unternehmen käme er ohnehin für keinen anderen Posten in Frage, nur der Fußball bietet ihm die passende Bühne. So sehr es ihn freut, wenn Vorstandsherren im Stadion vorbeischauen: Wohler fühlt er sich, wenn ihn auf der Tribüne ein Mann wie Rudi Völler flankiert.

Fußball ist und bleibt das Leben des Reiner Calmund. Egal, wie oft er noch Zweiter wird.

Vita

Reiner Calmund, geboren[] am 23. November 1948 in Frechen, muss seine Fußballkarriere als 18-Jähriger nach einem Sportunfall beenden. Er studiert Betriebswirtschaft und arbeitet in der Personalkoordination Ausland der Bayer AG. 1976 wird er hauptamtliches Vorstandsmitglied von Bayer 04 Leverkusen, 1988 Manager der Lizenzspielerabteilung und 1999 Geschäftsführer der Bayer 04 Fußball-GmbH.

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