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Der Mann, der gerne Gouverneur wäre

Er gilt als Macho und sieht auch so aus. Das ist wohl sein ärgstes Imageproblem. Als Arnold Schwarzenegger, einer von sage und schreibe 135 Kandidaten für das Amt des Gouverneurs von Kalifornien, der unabhängigen Kandidatin Arianna Huffington bei einer Fernsehdebatte mehrfach ins Wort fällt, greift diese schließlich an: "Es ist ja bekannt, wie Sie Frauen behandeln." Schwarzenegger lächelt maliziös: "Ich kann mir für Terminator 4 eine gute Rolle für Sie vorstellen."

SACRAMENTO. Für Sätze wie diesen hat Schauspieler Schwarzenegger wochenlang gearbeitet. Er hat Fakten gebüffelt, er hat mit seinen Beratern eine Art politisches Programm erarbeitet, er hat Antworten für die Fragen vorbereitet, die ihm an diesem Abend gestellt werden. Die erste große Kandidatendebatte hatte er noch verweigert. Jetzt, knapp zwei Wochen vor der Wahl, stellt er sich.

Überrascht wird Schwarzenegger nicht an diesem Abend im Union Ballroom der California State University im kalifornischen Regierungssitz Sacramento. Die Fragen waren vorher bekannt. "Es ist hier wie bei einem Autorennen", bemerkt ein lokaler Journalist vorher bissig. "Man geht hin mit der morbiden Hoffnung auf einen Totalschaden." Er dürfte enttäuscht nach Hause gegangen sein. Schwarzenegger blamiert sich nicht - und allein das genügt einer Reihe von TV-Kommentatoren, ihn zum Sieger der Debatte zu erklären.

Der in Österreich geborene ehemalige Mister Universum, der durch blutrünstige Actionfilme wie "Conan der Barbar" und die "Terminator"-Serie bekannt und reich wurde, ist nur einer von vielen Bewerbern, die den kalifornischen Gouverneur Gray Davis vorzeitig ablösen wollen. Aber weil Schwarzenegger ein Weltstar ist, blickt die Welt nach Kalifornien. Alle anderen Kandidaten, so scheint es, sind nur Statisten in dem surrealen Film "Der Mann, der gerne Gouverneur wäre". 90 Fernsehstationen übertragen die Kandidatendebatte landesweit. "So etwas habe ich selbst bei Präsidentschaftswahlen noch nicht erlebt", sagt der Berater der Demokraten, Bob Mulholland.

Erst am Dienstag hat ein Berufungsgericht endgültig entschieden, dass die so genannte "Recall"-Wahl planmäßig am 7. Oktober stattfinden wird (siehe nebenstehenden Bericht "Verdrossenheit"). Zwei Wochen Zeit für Schwarzenegger, sich bei Auftritten wie im Ballsaal des Sheraton Hotels in Sacramento zu präsentieren. Der Wahlkämpfer hat sich für ein "Town Hall Meeting" angesagt, normalerweise eine Gelegenheit für Bürger, der Obrigkeit kritische Fragen zu stellen. Aber die geladenen Gäste im Sonntagsstaat wollen ihren Helden feiern. Die Organisatorin begrüßt ihn als "my dear friend Ahnold Swortseneggr", und der erwidert die Komplimente. Beim Namen der Gastgeberin hilft ein Spickzettel.

Schwarzenegger platzt vor Tatendrang und Optimismus fast aus den Nähten seines silbergrauen Maßanzugs. Er redet schnell und ohne Pause, er lobt sich und erklärt seine Liebe für Kalifornien ("der größte Staat in der größten Nation der Welt"). Nur wenn er Gouverneur Davis erwähnt, verschwindet das ewige Nussknackerlächeln aus seinem Gesicht, und die mächtigen Bodybuilder-Halsadern über der blassvioletten Krawatte schwellen gefährlich an. Davis habe das Geschäftsklima verdorben und die Finanzen Kaliforniens ruiniert, wettert er. Firmen wanderten ab, die Schulen seien schlecht, die Infrastruktur miserabel. Wenn er Gouverneur sei, werde er die Autosteuer senken, Firmen mit Steuervergünstigungen zurücklocken, Milliarden für die Infrastruktur ausgeben ("Texas investiert dafür 140 Milliarden Dollar") und zusätzlich auch noch die Umwelt schützen und das Los berufstätiger Frauen verbessern.

Das sei alles eine Frage guter Führungskraft. Wenn er über diese "Leadership" spricht, ballt er die Faust, fixiert Frager mit Terminator-Blick und sticht mit dem Zeigefinger in die Luft. Seine Antworten beendet er mit einem "Okay?", das einen Unterton von Schluss, Punkt, aus, fertig hat. Schwarzenegger der Terminator spielt Schwarzenegger den Kandidaten, und die Honoratioren im Halbkreis klatschen Beifall.

Dabei erwähnt Schwarzenegger in seiner Diagnose der angeblichen Misere Kaliforniens weder die allgemeine Rezession in den USA noch das für Kalifornien besonders schmerzliche Platzen der High- Tech-Blase. Davis? Führungsschwäche ist an allem schuld. Okay?

Aber der ist noch längst nicht aus dem Amt gejagt. Nur wenn am 7. Oktober mehr als 50 Prozent der Wähler für seine Abberufung stimmen, wird das zweite Kreuz auf dem Wahlzettel, das für den möglichen Nachfolger, überhaupt relevant. Davis? Popularität stieg jüngst an, sein Stellvertreter Cruz Bustamante führt in Umfragen das Kandidatenfeld an, und Republikaner fürchten, dass die Aufspaltung der konservativen Stimmen zwischen Tom McClintock und Schwarzenegger die Demokraten an der Macht lassen könnte.

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