Der Mann der leisen Töne geht
Herbert Mai - ein Porträt

AP LEIPZIG. Der Paukenschlag von Leipzig ließ Herbert Mai keine Alternative: Nach gut fünf Jahren an der Spitze der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV) erklärte der Mann der leisen Töne am Mittwoch seinen Abtritt. Er hatte eine Vision und sah in der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft den einzigen Garanten für eine Zukunft der ÖTV. Doch dem 53-jährigen Marathonläufer ging die Puste aus, er konnte die ver.di-Kritiker auf dem Leipziger Gewerkschaftstag nicht überzeugen.

"Persönlich ist die Entscheidung für mich auch eine Frage der eigenen Würde, der politischen Moral und der Konsequenz des Handelns", begründete Mai seine Entscheidung. Im Saal herrschte die Stimmung einer Trauerfeier, einige Delegierte brachen bei der anschließenden Aussprache in Tränen aus. Sogar die Forderung, Mai möge seine Entscheidung zurücknehmen, wurde gestellt und mit langem Applaus quittiert. DGB-Chef Dieter Schulte erklärte, mit Mais Abtritt "verlieren die Gewerkschaften einen ihrer profiliertesten Köpfe".

Dass der Rheinländer und Verwaltungsfachmann Mai aber die Kunst zu reden und dabei Menschen mitzureißen nicht gerade erfunden hat, war hinlänglich bekannt. Mai setzte auf das Moderieren und Überzeugen, anstatt mit kämpferischen Reden die Solidarität zu gewinnen. Auf dem Gewerkschaftstag mahnte Harry Fuchs vom ÖTV-Gewerkschaftsausschuss den Vorsitzenden, Moderieren und kompetentes Führen einerseits und Kämpfen andererseits seien kein Widerspruch. Auch der bayerische Bezirksvorsitzende Michael Wendl versuchte, Mai öffentlich zu demontieren.

Da platzte selbst ihm der Kragen: Emotional wie selten preschte Mai ans Mikrofon und wies seine Gegner in die Schranken. Die Delegierten dankten mit langem Applaus. Erleichtert müssen sie gedacht haben: "Der kann es doch". Allerdings hatte Mai vor dem Gewerkschaftstag sein Schicksal als Vorsitzender nie von der Fusion zu ver.di abhängig gemacht - ein Fehler, meinen viele. Denn, so heißt es in ÖTV-Kreisen, hätte er sein persönliches Schicksal mit ver.di verbunden, hätte er vielleicht die notwendige Mehrheit für die Fusion bekommen. Mai wies dies zurück und sagte, dies wäre einer Erpressung gleich gekommen.

Als aber am Dienstag das Ergebnis von 65 Prozent bekannt gegeben wurde, stand dem 53-Jährigen der Schrecken ins Gesicht geschrieben. Sichtlich geschockt sprach er von einer "schwierigen Situation" und unterbrach den Kongress. Auf der anschließenden Sitzung des geschäftsführenden Hauptvorstands soll es hoch hergegangen sein. Mai habe sofort seinen Rücktritt erklärt, hieß es. Diesen Entschluss konnten die ÖTV-Oberen trotz stundenlangen Einredens auf Mai nicht mehr abwenden.

Dabei hatte der Vorsitzende der mit rund 1,5 Millionen Mitgliedern zweitgrößten DGB-Gewerkschaft hinter der IG Metall noch viel vor. Es war kein Geheimnis, dass er auch an die Spitze von ver.di strebte, selbst wenn der bescheidene Mann dies öffentlich nicht sagte. Doch auch dieser Traum ist nun geplatzt. Für den ver.di-Vorsitz steht Mai nach eigenen Angaben nicht zur Verfügung.

Gang durch die Institutionen

Geschwächt hatte Mai bereits das Ergebnis der Tarifrunde 2000. Da wurde schon orakelt, der Mann aus Stuttgart habe sein Gesicht verloren. Viele Mitglieder warfen ihrem Chef vor, er habe sich über den Tisch ziehen lassen. Doch Mai verkaufte das Ergebnis als "politischen Erfolg" - und die Basis schluckte es.

Der am 5. September 1947 in Dalheim-Rödgen im Kreis Erkelenz geborene Mai hatte erneut Ausdauer bewiesen. Dass der Mann, der den Marathon schon unter drei Stunden gelaufen ist, Stehvermögen hat, bewies er bereits in seinem Werdegang. Denn an die Spitze der ÖTV kam der Realschulabsolvent nach einem langen Gang durch die Institution. 1971 wurde der damals 24-Jährige Bezirksjugendsekretär der ÖTV-Hessen. 1980 avancierte er zum stellvertretenden Bezirksvorsitzenden der ÖTV-Hessen. Zwei Jahre später übernahm er den Bezirksvorsitz, den er in den folgenden 13 Jahren nicht mehr abgeben sollte.

Auf dem ÖTV-Gewerkschaftstag im Februar 1995 wurde der mittlerweile als pragmatischer Reformer und Modernisierer geltende Mai mit 74,6 Prozent zum Nachfolger von Monika Wulf-Mathies gewählt, die den ÖTV-Vorsitz wegen ihrer Berufung als EU-Kommissarin nach Brüssel aufgab. Auf einem ordentlichen Gewerkschaftstag ein Jahr später wurde Mai mit 87,4 Prozent bestätigt.

Dieser Weg nahm am Mittwoch ein jähes Ende. Der neuen Führung wünschte er viel Erfolg, die ÖTV zusammenzuhalten. Das werden sie auch brauchen. Denn Mai hinterlässt einen Scherbenhaufen.

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