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Der Mann mit der seidenen Stimme

Bisher habe ich niemand gefunden, der von der Wahl wirklich begeistert ist. Außer natürlich den Journalisten. Und einigen wenigen Kandidaten, von denen hier die Rede sein soll. Tony Blair gehört nicht dazu. Er wirkte nicht gerade schwungvoll, als er das Wahlprogramm vorlas.

Bisher habe ich niemand gefunden, der von der Wahl wirklich begeistert ist. Außer natürlich den Journalisten. Und einigen wenigen Kandidaten, von denen hier die Rede sein soll.
Tony Blair gehört nicht dazu. Er wirkte nicht gerade schwungvoll, als er das Wahlprogramm vorlas. Der Abgeordnete der Grünen, auf den ich kürzlich stieß. machte einen noch müderen Eindruck. Er entschuldigte sich gleich - öffentlich bei einer Podiumsdiskussion - dass er leider kein guter Redner sei. Und fügte eilends hinzu, dass er vom Thema (es ging um die Palästinenser) eigentlich auch nichts verstehe. Der Mann hatte mein volles Mitgefühl. Heroisch kämpft er seinen aussichtslosen Kampf, Kanonenfutter seiner Partei, und weiß es genau. Ein echter Demokrat.
Aussichtslos ist sein Kampf übrigens nicht mangels rhetorischer Begabung, sondern wegen des britischen "First-past-the-post" Systems. Es ist der gnadenlose Darwinismus. Der Grüne kann mit seinem Leiden nicht einmal Sympathien für Zweitstimmen e infangen.
Aber eine solche absolute Persönlichkeitswahl ist auch enorm demokratisch. Jeder steht mit seiner Person ein, riskiert alles, dann wird vom Volkswillen gnadenlos das Richterurteil gesprochen. Und auf den ist in der Regel Verlass. Sogar Tony Blair könnte von den Wählern in seinem Wahlkreis Sedgefield abgewählt werden - nicht einmal ein Premier kann sich auf einer Landesliste in Sicherheit bringen.
Paradoxerweise verdanken wir gerade diesem radikalen Persönlichkeitssystem, dass auf jeden müden Parteikrieger ein unverwüstlicher Enthusiast kommt. Wie Blair einmal einer war. Oder der Pop Sänger Screaming Lord Sutch, unvergessener Chef der Raving Monster Loony Party. Bis zu seinem Tod 1999 war er Großbritanniens am längsten amtierender Parteichef. Seine Wahlkampfparole: "Vote for insanity - you know it makes sense".
Will man sich einige dieser Enthusiasten und Selbstdarsteller ansehen, gebührt Robert Kilroy-Silk der erste Platz. Er hat zwar keine so guten Wahlparolen wie Screaming Lord Sutch und echte Europäer werden ganz wütend, wenn sie sein Wahlprogramm lesen. Silk gehörte einst der "UK Independence Party" an, die mit ihrem Antieuropäismus sogar den Konservativen das Fürchten lehrte. Aber Silk hat die UKIP gespalten, seine eigene Partei gegründet und die Gefahr ist gebannt. Veritas, heißt die neue Partei, weil Silk den Briten reinen Wein einschenkt. Wie Screaming Lord Sutch, aber mit viel schönerer Stimme. Flötend. Und seidenweich wie sein Name.
In jeder englischen Einkaufsstraße fliegen dem ehemaligen Moderator aus dem BBC Hausfrauenfernsehen die Frauenherzen entgegen. Er verlor seinen Job, als er Araber im TV "Beinamputierer" nannte. Das war politisch nicht korrekt. Sein Wahlprogramm sieht natürlich den Austritt aus Europa vor und die Abschaffung der, wie er es nannte, "Asylindustrie". "Keine Stadt im Land will mehr Immigration. Das wird uns von den liberalen Faschisten in London aufgezwungen" flötete er mit se idenweicher Stimme. Dann rechnete er vor, dass die Bearbeitung jedes Asylbewerbungsantrag den britischen Steuerzahler 143000 Pfund kostet. Dann gab es noch ein paar Seitenhiebe gegen Muslims. "Wir können keine Kultur tolerieren, die Frauen unterdrückt und als Bürgerinnen zweiter Klasse behandelt.
Das Schöne an diesen Populisten ist, dass sie immer eine Meinung haben und die Welt klar und einfach sehen. Das Schöne am britischen Wahlsystem ist, dass es mit ihnen kurzen Prozess macht.
Ins Europaparlament kam Kilroy Silk natürlich nur, weil dabei, nach europäischem Vorbild, mit Listen und Verhältniswahlrecht gewählt wurde.



Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent
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