Der Markt für B2B-Marktplätze
Zwischen Alltagsgeschäft und Angst vor der Pleite

Mut ist nicht Sache deutscher Unternehmen. Das muss auch Manfred Heil erkennen, Vorstandschef von Goodex, einem Anbieter von Online-Marktplätzen für den Handel zwischen Unternehmen: "Der Deutsche will erst alles verstehen, bevor er sich an einen Test wagt." In Frankreich oder den Benelux-Ländern werde erst mal probiert, dann unterhalte man sich über die Ergebnisse.

Und so verwundert es nicht, dass die hiesige Landschaft der B2B-Märkte sich teilt in Wüste und fruchtbares Hochland: Auf der einen Seite dümpeln Plattformen dahin, die nominell noch existieren, auf denen faktisch aber nicht mehr gehandelt wird. Andererseits gibt es Branchen, in denen die Beschaffung über Internet-Märkte Alltag geworden ist. Und so prophezeien die Berater von Bain und die Analysten der Gartner Group zwar steigende Umsätze, aber auch an eine abnehmende Zahl von Marktplätzen.

Die Hoffnungen richten sich auf Vorreiterbranchen - vor allem die Industrien, die international einkaufen: "In der Autoindustrie wird über E-Procurement, die Beschaffung über das Netz, nicht mehr diskutiert - es wird gemacht", sagt Goodex-Chef Heil.

Folge: Wie sich die Marktplätze dort entwickeln, gilt als Trend für die herstellende Industrie, weil dort die Zulieferer besonders komplex in die Wertschöpfungskette eingebunden sind.

Viele Autozuliefer aber halten die Plattformen für Trojanische Pferde. Unter dem Deckmantel der Prozessoptimierung würde lediglich Druck auf die Preise ausgeübt, so die Befürchtung. "Vom Thema beiderseitiger Kostenreduzierung ist Preisdruck übrig geblieben", meint Manfred Hofschneider, Geschäftsführer des mittelständischen Zulieferers Altenloh, Brinck & Co.

Vor allem kleine und mittelständische Zulieferer scheinen mehr wegen des Drucks ihrer Abnehmer, denn aus eigener Überzeugung beim elektronischen Beschaffen auf den virtuellen Marktplätzen mitzumachen. Und die Kunden geben faktisch auch vor, auf welchem Handelsplatz die Geschäfte abgewickelt werden sollen.

Drei Kern-Marktplätze kämpfen derzeit in der Branche um die Vormachtstellung: Covisint, Supply-On und Newtron-Automotive. Neben diesen Wettbewerbern unterhalten BMW und VW eigene, geschlossene Marktplätze, auf denen sie alle Austauschbeziehungen mit ihren Lieferanten bündeln.

Während Newtron-Automotive unabhängiger Marktteilnehmer ist, stecken hinter Covisint große Automobilhersteller, wie Daimler-Chrysler, Ford, GM, Renault, Nissan Toyota oder PSA, und hinter Supply-On Zulieferkonzerne wie Bosch, Continental, ZF Friedrichshafen oder INA.

Laut einer Trendanalyse der Cell Consulting AG bei den 200 größten Automobilzulieferern nehmen Covisint und Supply-On den höchsten Stellenwert ein. "Von den befragten Unternehmen arbeitet circa die Hälfte bereits mit Covisint, ein Fünftel mit Supply-On und immerhin ein Sechstel mit Newtron Automotive", heißt es bei Cell Consulting.

Zulieferer, die Geschäftsbeziehungen zu mehreren Abnehmern haben, müssen unter Umständen auf allen drei Kern-Marktplätzen vertreten sein, zuzüglich vielleicht noch bei den geschlossenen Benutzerkreisen von VW und BMW - und entsprechende Software und Know-how vorhalten.

Deshalb drängt diese Gruppe auf Standards beim elektronischen Beschaffen. "Da muss sich dringend etwas tun", fordert Wolfgang Kirchhoff, geschäftsführender Gesellschafter der Kirchhoff-Gruppe als Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Zulieferindustrie. Ohnehin klagten viele Zulieferer, dass die Installation der Covisint-Software viel zu teuer sei.

Weitgehend zufrieden zeigen sich die Automobilhersteller - zumindest offiziell. So verlautete aus Stuttgart jüngst, dass Daimler-Chrysler in den vergangenen 12 Monaten über 510 Online-Bieteverfahren abgewickelt habe. "Das ist ein Drittel des Beschaffungsvolumens, das im Jahr 2001 in neu geschlossenen Aufträgen vergeben wurde", heißt es in einer Mitteilung des Unternehmens.

Neben den Einsparungen im Materialeinkauf habe Daimler-Chrysler die Durchlaufzeiten im Einkauf um rund 80 % reduzieren und Prozesskosten einsparen können. Rüdiger Grube, als stellvertretendes Vorstandsmitglied verantwortlich für die Konzernentwicklung: "Die im E-Procurement erzielten wirtschaftlichen Effekte decken bereits im ersten Jahr der Implementierung die bisherigen Investitionen in E-Business und bergen auch für die Zukunft große Potenziale."

Und so behauptete Covisint-Chef Kevin English im Gespräch mit Netzwert auch, sein Unternehmen werde in spätestens einem Jahr schwarze Zahlen schreiben.

Intern zeigt man bei vielen Automobilherstellern aber auch Verständnis für die Nöte der Zulieferer - besonders was die Klage über Auktionen und fehlende Standards angeht. So sei es in der Tat schon vorgekommen, dass Auktionen nur veranstaltet worden seien, um den Preis am Markt zu drücken, nicht um tatsächlich einen Auftrag zu erteilen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%