Der Markt für Online-Gaming wächst stürmisch – Immer höhere Preisgelder konkurrieren um die Finanz-Surfer
Börsenspiele: Risikolose Jagd auf den Dax via Internet

Im nächsten Jahr gehen circa 80 größere Börsenspiele an den Start. Die Teilnehmer versprechen sich neben Gewinnchancen auch einen Lerneffekt. Die Veranstalter profitieren gleich mehrfach. Die Verweildauer auf den Web-Seiten nimmt zu und die Datenbanken werden mit Kundenprofilen gefüttert.

FRANKFURT/M. "Wer wird Millionär?" - diese Frage ist im Internet längst beantwortet. Da ist zum Beispiel Tottie, der eigentlich ein glücklicher Anleger sein müsste. Schließlich hat er aus 51 000 Euro rund 38 Millionen Euro gemacht. Libor-Calls sollen seine Spezialität sein, heißt es. Das Problem ist nur, dass es reines Spielgeld ist, das sich angehäuft hat, denn das Pseudonym führt die Bestenliste von boersenspiele.de an, dem 1996 gestarteten und damit wohl am längsten ohne Unterbrechung laufenden Online-Börsenspiel in Deutschland. Hier zählt nur Ruhm und Ehre. Eine Ausnahme, denn ansonsten regiert die Jagd nach immer höheren Belohnungen.

Denn parallel zum Gewinnrausch auf allen Fernsehkanälen drehen sich auch die Börsen-Glücksräder im Internet immer schneller. Zu allen Jahreszeiten können die Mitspieler den Dax rauf und runter kaufen sowie Puts und Calls platzieren - die Technik hat den Abstand zwischen dem realen Handel und der Simulation am Computer fast auf Null schrumpfen lassen.

Wenn in den echten Depots der Nemax abknickt, profitieren die Spieleanbieter sogar noch. "Die Teilnehmerzahlen steigen in der Baisse, weil man spielerisch am Finanzgeschehen teilnehmen kann, ohne zu verlieren", weiß etwa Matthias Gärtner, Vorstandsvorsitzender der e.multi AG, die nach eigenen Angaben Marktführer ist. Rund 70 Prozent der Spieler wollten lernen, wie die Börse funktioniert, der Rest seien Profis, die neue Strategien ausprobierten und Glücksritter, erläutert der Chef des Spieleentwicklers.

Bei Börsenspielen gewinnen alle

Baisse hin, Hausse her - Börsen-Gewinnspiele sind in gewisser Weise immun gegen die Launen der Finanzmärkte. Das liegt auch daran, dass sich die in der Regel vier beteiligten Parteien - Veranstalter, Sponsoren, Abwickler und Spieler - alle als Gewinner fühlen können. Lizenz- und Startgebühren, Sponsoren-Gelder, Werbebanner und die Preise schmieren das Getriebe dieses speziellen Zweigs der Unterhaltungsbranche. Und selbst wer als Teilnehmer leer ausgeht, kann sich immer noch damit trösten, dass er die Mechanismen der Börse danach besser versteht.

Die BHF-Bank schätzt den Online-Gaming-Markt schon als Milliardengeschäft ein, wobei dem "spielerischen Umfeld einer Börsensimulation" besondere Bedeutung beikomme. Die Marktforscher von Datamonitor hätten schon mal für 2004 eine Hausnummer von 4,9 Mrd. Dollar für die Märkte in Westeuropa und den USA vorgegeben.

Schon heute nimmt der Aufwand für die Spiele zu, und auch die Preisgelder klettern gewaltig. "Die Reizschwelle wird immer höher gelegt", weiß Pressesprecher Andreas Bartels von der comdirect bank. Für deren neue Runde im "Brokerpoker" addieren sich die Gewinne jetzt auf eine halbe Million DM. Drei Spielstärken - von "Beginner" bis "Experts" - sollen mehr Chancengleichheit bieten. Hintergrund ist der Frust vieler Teilnehmer, wenn sich der Abstand eines großen Mittelfelds auf die führenden Player immer weiter vergrößert. Branchenkenner zweifeln aber daran, ob sich damit die hartnäckigen Profi-Spieler abschrecken lassen. "Die melden sich über mobilisierte Familienmitglieder oder Freunde in allen Klassen an", schätzt ein Insider.

Mehrfachanmelder stören den Wettbewerb

Allerdings haben die Spiele-Entwickler mittlerweile Erfahrung im Umgang mit Manipulationen wie Mehrfachanmeldungen und dem Setzen auf einzelne Titel mit der höchsten Volatilität. "Angelehnt an ein echtes Handelssystem haben wir auch eine richtige Börsenüberwachung", sagt Christian Prechtl, Pressesprecher des Mannheimer Spiele-Managers Blitztrade.

Wer ein Börsenspiel komplett neu entwickelt haben will, muss mit Ausgaben von 30 000 DM für ein einfaches Tipp-Spiel bis zu mehreren Millionen DM bei komplexen Systemen mit Aktiensplitts, Zins- und Dividendenzahlungen sowie monatelanger Laufzeit rechnen. Dafür sichert sich der Veranstalter nach Einschätzung von Gärtner aber auch ein "wunderbares Marketinginstrument". Schließlich ziehe das virtuelle Parkett im Schnitt 10 000 aktive Spieler an, beim Planspiel Börse der Sparkassen sind sogar über 50 000 Gruppen im Einsatz. In Zusammenarbeit mit TV-Sendern oder Direktbanken werden auch sechsstellige Teilnehmerzahlen erreicht.

Das öffnet eine weitere Goldader: die Kundenprofile bei der Anmeldung sind der Rohstoff des Informationszeitalters. Alleine e-multi verfügt über 200 000 solcher Datensätze, mit denen sich kommende Spielegenerationen passgenau entwickeln lassen. Überhaupt gilt eine "möglichst große Schnittmenge zwischen Fernsehen und Internet" als Erfolgsformel der Zukunft, meint Prechtl von Blitztrade. Dort bastelt man an der nächsten Dimension: so genannte "Echtgeld-Spiele" mit handelbaren Wettscheinen. Voraussichtlicher Starttermin: 2001.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%