Der Markt für Unternehmensberater ist leergefegt
Berater-Job: Die WiWis sind nicht mehr allein

Wirtschaftswissenschaftler haben lange Zeit die Beratungsunternehmen dominiert. Weil Bewerber fehlen, bekommen nun auch "Exoten" eine Chance.

DÜSSELDORF. Jochen Rose saß eines Tages am Computer und surfte im Internet. Dabei stieß er auf eine Homepage, die ihn überraschend ansprach, nämlich die der Boston Consulting Group (BCG). Als Mediziner, der gerade von einem Forschungsaufenthalt in den USA zurück an die Uniklinik in Essen kam, war für ihn eigentlich klar, dass er weiter auf dem Gebiet der Herz-Kreislauferkrankungen forschen und sich habilitieren würde.

Mehr aus Spaß und Neugierde als aus Ernst füllte er den Bewerbungsbogen der Unternehmensberatung aus. Er erhielt sofort eine positive Antwort. Man hinterlegte für ihn Flugtickets im Reisebüro und nach zwei Interviewrunden stand fest: Jochen Rose konnte in eine neue Karriere als Unternehmensberater starten.

Was als Einzelfall überrascht, ist allgemein gar nicht so selten: "Exoten" aus nicht-wirtschaftswissenschaftlichen Gebieten sind in der Consultingbranche, vor allem in den strategischen Unternehmensberatungen, eher die Regel als die Ausnahme. Beispiel: Bei McKinsey & Company hat nur die Hälfte der Berater eine wirtschaftswissenschaftliche Ausbildung, 21 Prozent sind Naturwissenschaftler, 17 Prozent Ingenieure, drei Prozent Mediziner, zwei Prozent Juristen und neun Prozent Geisteswissenschaftler. Bei der BCG werden 2001 rund 200 Berater eingestellt, knapp die Hälfte davon werden keine Wirtschaftswissenschaftler sein, bei Roland Berger und Partner ist es ein Viertel.

"Der Markt für Untrenehmensberater ist leergefegt"

Joachim Staude, Präsidiumsmitglied im Bundesverband Deutscher Unternehmensberatungen (BDU), erklärt das Phänomen so: "Der Markt für Unternehmensberater ist leergefegt. Die Nachfrage übersteigt bei weitem das Angebot der deutschen Hochschulen. So ist man zwangsläufig offen für andere Disziplinen." Genauso entscheidend sei aber, dass dieser Beruf bestimmter Fähigkeiten bedarf, die in sehr unterschiedlichen Studienfächern geschult werden. Dazu gehöre analytisches Denken, Teamfähigkeit, Flexibilität und Kommunikationsfähigkeit. "Gerade in der strategischen Beratung, wo kreative Lösungen für unterschiedliche Probleme gesucht werden, macht man daher mit sogenannten Querdenkern sehr gute Erfahrungen", betont Staude.

Für Mediziner Rose war nach einem fünfwöchigen Intensivseminar Wirtschaft der Einstieg in den Berateralltag nicht weiter dramatisch. Er nutzt bis heute Erkenntnisse aus seiner erlernten Disziplin. "Das Studium prägt das Denken", sagt er. Als Mediziner habe er mit Menschen in jeder Lebenslage zu tun gehabt. Diese Erfahrung hat seine soziale Kompetenz gestärkt. Heute helfe sie ihm, unternehmerische Konzepte so umzusetzen, dass die Menschen sich dafür begeistern können. "Außerdem müssen Ärzte immer damit leben, dass etwas nicht wie geplant läuft. Bei unternehmerischen Prozessen ist das oft genauso."

Zuerst bearbeitete der gelernte Mediziner Projekte im Krankenhaus und in einer Krankenversicherung. "In gewisser Weise hatte ich dabei ein Heimspiel, weil ich die Produkte und Dienstleistungen bestens kenne, aber auch weil ich von dem Nimbus des Arztes profitierte." Danach arbeitete er bei Banken, Versicherungen und in der Hightech- Branche.

Gleiches Recht für alle

Nach einer kurzen Schonfrist müssen die Exoten mit Bilanzen, Geschäftsmodellen, Managementsystemen genauso routiniert umgehen, wie alle anderen Unternehmensberater auch. "Nach etwa drei Monaten führen wir die erste Evaluation durch", erklärt Matthias Schönermark, Projektleiter bei der Boston Consulting Group. "Exoten werden dabei nicht weniger scharf bewertet als die anderen." Die meisten Kandidaten haben den allgemeinen Standard dann auch erreicht.

Wie Exoten ihre besonderen Fähigkeiten einsetzen, erklärt Thilo Löwe, 31 Jahre alt und seit drei Jahren Berater bei der BCG, an einem Beispiel. In einem Maschinenbauunternehmen erarbeitete der promovierte Philosoph zusammen mit einem promovierten Physiker ein Modell zur Evaluation von Forschungsausgaben. Obwohl auch Löwe fundierte Exelprogrammierkenntnisse hat, zeigte sich schnell eine gewisse Arbeitsteilung im Team. "Ich war beeindruckt, wie die von meinem Kollegen erstellten Modellrechnungen nur so über den Bildschirm flitzten", erzählt er.

Bei der Vermittlung der Methodik gegenüber den Kunden übernahm dann aber der ausgebildete Philosoph die Führung. "Das war reine Dialektik, wie im Philosophiestudium", sagt er. Stufe für Stufe erklärte er die Lösung und überzeugte sein Publikum. "Keiner von uns beiden hätte vermutlich diesen Erfolg allein erzielen können", glaubt Löwe.

Ansprüche an die Bewerber sind hoch

Obwohl der Nachwuchsmangel in fast allen Unternehmensberatungen das Wachstum bremst, sind die Ansprüche an Bewerber hoch. "Wir nehmen nur die besten zehn Prozent eines Jahrgangs, egal welcher Disziplin", sagt Schönermark. "Die Leute müssen smart genug sein, um sich schnell in neue Sachverhalte einzuarbeiten. Vor allem aber müssen sie neugierig sein." Keine Chance hat, wer die Unternehmensberatung nur als Notnagel sieht, etwa weil er nach einem Medizinstudium keine Anstellung in einer Klinik findet.

Klaus Behrenbeck, Partner bei McKinsey, setzt auf eine positive Streitkultur, die durch interdisziplinär besetzte Teams entsteht: "Wir suchen starke Persönlichkeiten aus allen Studienrichtungen." Die Kandidaten müssten gezeigt haben, dass sie Spitze in ihrem Fach sind, aber auch außerhalb der Universität schon etwas geleistet haben.

Zu ihnen gehört Stefan Pauly, promovierter Theologe und seit eineinhalb Jahren Unternehmensberater bei McKinsey. Sein Weg dahin war alles andere als vorgezeichnet. Während des Studiums hat er als Opernregisseur in Wien und Mailand gearbeitet. Mit der Consultingbranche ist er erst gegen Ende seiner Promotionszeit durch Berufspraktika in Berührung gekommen. "Die Arbeit hat sehr viel mit philosophischem Denken zu tun. Mit jeder Aufgabe betritt man Neuland und versucht, eine Struktur zu finden." Zuerst hat er das in einem Startup-Unternehmen, dann im Finanzdienstleistungsbereich praktiziert. Zurzeit arbeitet er an einem Projekt in der Automobilbranche.

Praktische Erfahrungen helfen oft mehr als theoretisches Wissen

Anne-Marie Weimer zieht bei ihrem Alltag als McKinsey-Beraterin eher aus ihren Tätigkeiten außerhalb des Jurastudiums Gewinn, als aus den Inhalten des Studiums. Die 24-Jährige war fünf Jahre lang im europäischen Jugendparlament als Abgeordnete aktiv. Internationale Arbeitsgruppen mit 15 Mitgliedern zu leiten, sei nicht sehr viel anders gewesen, als zum Beispiel Leute mit ins Boot zu holen, wenn der Vertrieb in einem Unternehmen neu aufgestellt würde.

Dabei kämpft Weimar durchaus an mehreren Fronten, wenn sie als junger Mensch, als Frau und als Nicht-Wirtschaftswissenschaftlerin Probleme in der Metallindustrie anpackt. Sie hat allerdings ein adäquates Mittel gefunden, sich ersten Respekt zu verschaffen: "Ich rechne konsequent alle Zahlen nach und finde in sehr vielen Fällen Fehler."

Solche Kniffe sind allerdings eher in der Anfangsphase gefragt. "Die ursprüngliche Ausbildung spielt nach der Ebene der Projektleiter überhaupt keine Rolle mehr", sagt Nikolaus Held, Human Ressources Manager bei Roland Berger. Die Statistik gibt ihm Recht: Immerhin gibt es unter den Partnern bei Roland Berger Juristen genauso wie Ingenieure.

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