Der Markt-Monitor
Bernankes großer Tag

Am heutigen Dienstag justiert US-Notenbankchef Ben Bernanke den Leitzins - und selten war eine solche Entscheidung so spannend. Bernanke steht von allen Seiten unter Druck, wobei diejenigen, die gegen eine Zinssenkung sind, auch moralische Motive für ihre Ansicht haben.
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Die "Praktiker" an der Wall Street, auf deren Seite sich auch einige Theoretiker geschlagen haben, erwarten, dass "der Akademiker" verdammt nochmal Gas gibt und die Wirtschaft vor einer Rezession schützt. Andere Experten, aber auch viele normale Amerikaner sähen, wie das "Wall Street Journal" durch eine Umfrage herausgefunden hat, es dagegen lieber, wenn die Notenbank hart bliebe. Erstens, um Amerika vor einer Inflation zu schützen. Zweitens, und das ist wichtiger, um die Leute zu bestrafen, die unverantwortlich Kredite verkauft oder aufgenommen oder daran als Finanzingenieure einen Haufen Geld verdient haben. "Moral Hazard" ist nicht nur ein akademisches Thema. Viele Amerikaner, die ihr Geld beisammengehalten haben, sehen gar nicht ein, dass andere für ihre Verantwortungslosigkeit auch noch belohnt werden.

Nach allem, was man weiß, rechnen ziemlich viele Anleger sogar mit einem großen Zinsschritt, also einen halben Prozentpunkt runter auf 4,75 Prozent. Wenn das eintritt, dürften die Börsen aufatmen. Aber wahrscheinlich nur kurz. Denn gleich wird sich die Frage stellen, was die Fed macht, wenn es noch weiter kriselt. Wird sie noch einmal senken oder nicht? Hier kommt es sehr auf Bernankes Rhetorik an. Wenn er einen großen Schritt macht und andeutet "das war es", dann schickt er die Märkte womöglich sogar auf Talfahrt. Wenn er sich dagegen sehr zuversichtlich äußert über die wirtschaftlichen Perspektiven, schafft er es vielleicht sogar, in einem Ruck die Unsicherheit aus dem Markt zu nehmen.

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Bei einem kleinen Schritt von einem Viertelpunkt wären die Märkte zunächst einmal enttäuscht. Aber auch hier käme es sehr auf die Rhetorik an. Wenn er andeutet "das war es noch nicht" oder "wir können bei Bedarf jederzeit nachschießen", dann käme der kleine Schritt vielleicht sogar als weise Entscheidung herüber. Denn häufig ist für die Märkte die Erwartung, was als nächstes passiert, viel wichtiger als die gefallene Zinsentscheidung. Mit einem kleinen Schritt würde Bernanke auch den "Moral Hazard"-Bedenken (also dass er mit großzügiger Geldpolitik die Spekulanten zu noch unvernünftigerem Verhalten ermutigt) Rechnung tragen. Möglicherweise entscheidet er sich also für einen kleinen Schritt mit einer rhetorisch "weichen" Verpackung nach dem Motto: Ich lasse euch nicht allein, wenn es richtig kracht.

Immerhin scheinen die Zahlen von Lehman Brothers ganz in Ordnung zu sein, die erste Börsenreaktion darauf ist positiv. Und diese Bank galt als relativ stark belastet durch die Finanzkrise. Es muss sich noch zeigen, wie gut die Substanz wirklich ist, aber im Moment dürfte das Ergebnis eine Erleichterung für Bernanke sein, weil es die Märkte eher beruhigt.

Das Problem Bernankes ist, dass die Geldpolitik eigentlich am Kern der Finanzkrise vorbeizielt. Denn der Kern ist das gegenseitige Misstrauen der Banken: Die feinen Herren trauen sich gegenseitig viel weniger als die Anleger und Aktionäre ihnen. Dieses Zustand wird gefährlich, wenn er immer weiter andauert, weil er irgendwann doch das Vertrauen in das gesamte Finanzsystem untergräbt. Aber eine allgemeine Zinssenkung hilft dagegen ungefähr so präzise wie ein Breitbandantibiotikum gegen einen sehr speziellen, sehr gefährlichen Keim.

Klar ist jedenfalls: Wenn Bernanke diese Krise meistert, ist er ein Held. Wenn ihm die Sache aus dem Ruder läuft - nun, daran denken wir lieber nicht. Der Mann ist also nicht zu beneiden. Zumal gerade jetzt sein legendärer Vorgänger mit einem Buch und mehr oder minder hilfreichen Äußerungen viel Wind um sich macht. Mervyn King, der britische Notenbankchef, hat neulich in einem Interview zu Recht gewisse Erleichterung darüber geäußert, dass sein Vorgänger ihn nicht mit guten Ratschlägen beglückt.

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