Der Markt-Monitor
Chance für gefallene Engel

Selten war der Beginn eines Börsenhalbjahres spannender als derzeit. Deutliche Kursgewinne bei Finanz- und Autowerten von bis zu 20 Prozent binnen zwei Stunden deuten darauf hin, dass es so manchem Leerverkäufer allmählich zu heiß wird.

Es ist ein ungewöhnliches Bild an diesem Mittwoch: Deutsche Bank plus fünf Prozent, UBS plus vier Prozent, Lufthansa plus drei Prozent. Selbst die Aktie Air Berlin - seit Tagen stets für einen zweistelligen Verlust gut - legt um 14 Prozent zu. Hinter den Bewegungen könnte mehr stecken als nur ein zaghafter Erholungsversuch.

Häufig markiert das Ende eines Halbjahres einen markanten Wendepunkt in der Kursentwicklung einzelner Aktien. Zum Halbjahresende legen viele Fondsgesellschaften und Vermögensverwalter ihren Kunden Rechenschaft ab. Doch wer will schon seinen Anlegern präsentieren, auf die falschen Pferde gesetzt zu haben? Also kehren Profis besonders schlecht gelaufene Aktien rechtzeitig aus.

Seit Montag nun läuft das neue Börsenhalbjahr. Dass es dann durchaus turbulent zugehen kann, bewies gleich am ersten Tag die Aktie von General Motors: Um 22 Prozent schoss der Kurs des Autoherstellers binnen eineinhalb Stunden in die Höhe, weil der Autoabsatz nicht so deutlich einbrach wie von Marktteilnehmern befürchtet.

Hinter solchen kräftigen Erholungen stecken häufig Eindeckungen von Leerverkäufern, die seit Monaten beste Geschäfte mit der Nervosität der Anleger machen: Jede Schnäppchenjagd von Optimisten wurde bitter bestraft: Die UBS - glatt halbiert zwischen Sommer 2007 und Ende März 2008 - halbierte sich noch einmal im zweiten Quartal. Einem Minus von gut 40 Prozent im ersten Quartal folgte eine erneute Halbierung des Aktienkurses von Air Berlin zwischen April und Juni. Ungebremst in den Keller rauschte auch General Motors mit einem Minus von 48 Prozent binnen drei Monaten.

Im Gegensatz zu den Praktiken in Europa müssen die Leerverkäufer in den USA ihre Positionen regelmäßig offen legen. Die Zahl der leer verkauften Aktien sind für Anleger zudem leicht einsehbar. So waren per 10. Juni insgesamt 120 Millionen Aktien von General Motors leer verkauft. Das entspricht einem Fünftel aller handelbarer Aktien. Um die Menge der leer verkauften Aktien zurück zu kaufen, benötigen die unter Börsenbullen oft verhassten Leerverkäufer derzeit das fünffache des durchschnittlichen Tagesumsatzes der GM-Aktien. Ähnlich ist die Situation bei Ford: Rund 15 Prozent aller handelbaren Aktien sind leer verkauft, das entspricht dem sechseinhalbfachen des täglichen Handelsvolumens.

Man muss zudem kein Hellseher sein für die These, dass Leerverkäufer auch ihren Beitrag zu den herben Verlusten der Finanz- und Autowerte und Fluggesellschaften in Europa geleistet haben. Hinter Kursverlusten von bis zu 50 Prozent binnen drei Monaten steckt mehr als nur der Abverkauf enttäuschter Investoren. Doch kaufen die Leerverkäufer zurück, werden sie für eine kräftige Nachfragebelebung sorgen. Viel hängt daher von den ersten Tagen im frisch angebrochenen Halbjahr ab, in dem gerade die tief gefallenen Blue Chips der Finanz- und Automobilbranche eine besondere Beachtung verdienen. Klettern die Kurse nachhaltig, setzt dies auch Leerverkäufer unter Druck, Gewinne mitzunehmen - ein Prozess, der sich nach oben ähnlich selbst verstärken kann, wie er im ersten Halbjahr so manchen Schnäppchenjäger ruiniert hat.Umgekehrt gilt: Gelingt den gefallenen Engeln wie UBS, Deutsche Bank & Co. nun nicht kurzfristig ein fulminantes Comeback, verspricht auch das zweite Halbjahr kaum Besserung.

Christian Kirchner
Christian Kirchner
Handelsblatt / Geschäftsführender Redakteur New Investor
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