Der Markt-Monitor
Rätselhafter Nikkei

Zwölf Tage hat die Börse Tokio keine Pluszeichen mehr gesehen. Schlecht steht der Nikkei deswegen aber nicht da. Und die Zuversicht der Experten für japanische Aktien ist groß.

In Japan blicken die Anleger mit Spannung in die nächste Woche. Sollte es der Nikkei schaffen, die ersten drei Tage der Handelswoche mit einem Minus zu beenden, würde er einen mehr als 50 Jahre alten Rekord knacken. Im Mai 1954 sank der japanische Leitindex 15 Tage in Folge. Jetzt bringt es der Nikkei immerhin bereits auf eine zwölf Tage lange Verlustserie, nachdem er heute 0,2 Prozent schwächer aus dem Handel ging. Ungeachtet der Durststrecke übertreffen sich Analysten und internationale Aktienstrategen mit positiven Kommentaren zum Aktienmarkt. Unter den internationalen Börsen findet kaum eine zurzeit ein derart positives Echo.

Ein genauerer Blick auf den Nikkei klärt diesen Widerspruch auf. Von einer Krise des Indexes kann nämlich trotz der 12 Tage währenden Verlustserie keine Rede sein. Im ersten Halbjahr hat er mit einem Minus von rund 13 Prozent besser abgeschnitten als alle anderen führenden Indizes. Seit Mitte März hat der japanische Aktienmarkt sogar deutlich zugelegt. Von einem Tief bei knapp 11 800 Punkten ist der Nikkei bis auf rund 14 500 Punkte geklettert, ehe einige Investoren Gewinne mitnahmen. Und selbst die fielen im Vergleich zu den Verlusten an anderen Märkten sehr bescheiden aus. Der aktuelle Stand von 13 237 Punkten bedeutet gegenüber dem Jahreshoch gerade einmal einen Abschlag von 8,5 Prozent.

Für die vergleichsweise gute Entwicklung in Japan gibt es durchaus gute Gründe: Im Vergleich zu anderen Märkten hat die Finanzkrise die japanische Wirtschaft weniger stark belastet. Im Gegenteil: Japanische Banken sehen die Krise in anderen Märkten zunehmend als Chance, günstig ins Ausland zu expandieren und so neue Geschäftsfelder zu erschließen. Auch die Inflation ist trotz eines mittlerweile acht Monate langen Anstiegs mit 1,5 Prozent an internationalen Maßstäben gemessen sehr moderat. Und der hohe Ölpreis belastet japanische Unternehmen auch weniger, weil die Wirtschaft insgesamt als ausgesprochen energieffizient gilt.

Auf der anderen Seite sitzen die negativen Erfahrungen der vergangenen Jahre vielen Anlegern noch tief im Gedächtnis. Jahr für Jahr wurde das Comeback der Tokioter Börse von Experten beschworen - stets vergeblich. Dass es diesmal wieder so läuft, kann nicht ausgeschlossen werden, da die japanische Konjunktur durchaus Warnsignale sendet. So deuten die Frühindikatoren, die heute veröffentlicht wurden, auf eine Rezession hin. Und die japanische Regierung kündigte heute an, dass der Aufschwung der vergangenen Jahre - immerhin der längste der Nachkriegszeit - nun vorbei sein könnte und die Wirtschaft an einem Wendepunkt stehe.

Damit tut sich in Japan schon wieder der nächste Widerspruch auf. Dieses Mal zwischen den Aussagen der Regierung und den positiven Kommentaren der Analysten. Wohin die Reise für den Nikkei in diesem Spannungsfeld geht, mag man kaum prognostizieren. Wahrscheinlich wird der Index für Anleger das bleiben, was er schon seit einigen Jahren ist: Ein Rätsel.

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)
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