Der Markt-Monitor
Sell in May – und ärger Dich!

Sommerloch? Von wegen. Der Juli war einer der besten Börsenmonate seit langem. Allein der Dax hat um fast elf Prozent zugelegt. Ein guter Anlass, um einen verbreiteten Irrglauben am Aktienmarkt endgültig auszuräumen.
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Diesen Juli werden Anleger gerne in Erinnerung behalten. Knapp elf Prozent hat der Deutsche Aktienindex zugelegt, der US-Index Dow Jones brachte es auf 8,6 Prozent - für den Dow war es der höchste Monatsgewinn seit Oktober 2002. Insgesamt sind die Aktienmärkte in den USA und Deutschland seit ihren Tiefs im März um fast 50 Prozent gestiegen. Die Skeptiker, die nach dem Rückschlag im Juni einen dürren Sommer für Aktienanleger vorhergesagt hatten, hat die Entwicklung widerlegt.

Das Gleiche gilt erst recht für die immer noch verbreitete Pseudo-Börsenweisheit, nach der man Aktien im Mai verkaufen und den Sommer anschließend lieber am Strand verbringen soll. Dahinter steckt ein Glaube an ein vermeintliches Sommerloch, der an Naivität kaum zu überbieten ist. Wer glaubt denn wirklich, dass das Heer der Finanzinvestoren und Spekulanten mal eben für drei Monate Pause macht und die Kurse einfach laufen lässt? Und das in Zeiten, in denen die Börsensysteme mit modernen Kommunikationsmitteln von überall erreichbar sind.

Dass der Glaube an ein Sommerloch reichlich überholt ist, zeigt auch die Aktivität der Unternehmen. Nicht nur, dass diese mitten in der Berichtsaison für das zweite Quartal stecken. Einige Firmen haben die vergangenen Wochen zudem genutzt, um Übernahmen anzustoßen. Andere bessern bei ihren Sparprogrammen nach. Dass all dies kursrelevant ist und auch die Investorengemeinde trotz vermeintlicher Sommerflaute nicht kalt lassen kann, bedarf eigentlich keiner Erwähnung.

Wer an der Börse heute Erfolg haben möchte, darf die Kurse nicht zu lange aus den Augen lassen. Rund um den Globus machen Millionen Menschen Tag für Tag nichts anderes, als Kapital hin- und herzuschieben, um möglichst hohe Renditen zu erzielen. Historische Zyklen und Verhaltensmuster an den Börsen verlieren vor diesem Hintergrund kontinuierlich an Bedeutung.

Fakt ist: Wer im Mai Aktien verkauft hat, wird sich heute ärgern. Wer noch dazu - wie im zweiten Teil der Börsenphrase ("but remember to come back in september") gefordert - in wenigen Wochen sein Comeback am Markt feiert, könnte gleich die nächste Enttäuschung erleben. Denn auch wenn die Optimisten am Markt lauter werden und den Dax schon auf dem Weg in Richtung 6 000 Punkten wähnen, bleibt die fundamentale Situation schwierig. Für ein weit ausgedehnte Rally erscheint das Fundament noch zu schwach. Die Herbstmonate an den Börsen könnten stürmisch werden.

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)
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