Der Maybach ist da
Wall Street nachbörslich: Luxus zwischen und Hoffnung und Pleite

Es ist ja fast ein wenig zynisch. Am Tag, an dem der S&P 500 Index und die Nasdaq unter die September-Tiefstände fallen, und mitten in einer Zeit gigantischer Bilanzskandale, die Anleger Milliarden kosten, legt in New York die "QE2" an und von Deck rollt unter Polizeischutz die neue Definition von Luxus - der Maybach.

wsc NEW YORK. Der Maybach rollt bis an die Wall Street, und dort verkündet DaimlerChrysler, dass man mit dem 300



000 $ teuren Luxusschlitten die Kundschaft mit einem Vermögen ab 30 Mio. $ ansprechen möchte. Die können in dem 6,20 Meter langen und 550 PS starken 12-Zylinder-Schlitten Fernsehschauen und DVDs abspielen, sich an der Minibar gütlich tun oder auf drei serienmäßigen Handys telefonieren.

Dass der Maybach die Absatzzahlen des deutsch-amerikanischen Automobilherstellers maßgeblich verbessert, glaubt man natürlich auch beim Hersteller nicht - dass die Premiere mit der Vorlage der schwachen Juni-Verkaufszahlen zusammenkommen musste, hätte aber auch nicht sein müssen. Nichtsdestotrotz: DaimlerChrysler und Ford verkauften im vergangenen Monat weniger Autos als erwartet, Branchenführer General Motors steigerte die Absätze um 4,6 %. Am Mittwoch dürfte sich das auf die Aktien der "großen Drei" auswirken.

Die Zahl derer, die sich einen Maybach leisten können, sinkt immer mehr, die US-Anleger halten bald jeden Dime und jeden Nickel fest. Der Markt bricht immer weiter ein, und das sogar in einer Woche, in der sich Analysten eine Rallye bei schwachem Volumen ausgerechnet hatten. Es ist anders gekommen. An der Nasdaq handeln ein Viertel der Aktien auf ihren jeweiligen 52-Wochen-Tiefs, und der Dow repräsentierte am Dienstag nicht die Performance des breiten Marktes. Der nämlich hatte, kleine und mittlere Unternehmen eingerechnet, ganze 3 % verloren.

Und es könnte noch schlimmer kommen. Seit einigen Wochen fallen Konjunkturdaten wieder schwächer aus, und die Furcht vor einer W-förmigen Erholung der Konjunktur macht immer mehr die Runde auf dem Parkett. Mit schuld daran dürften die Bilanzskandale sein, die sich nach Expertenmeinung nun auch dramatisch auf den Arbeitsmarkt auswirken dürften. John Challenger, Präsident von Challenger, Gray and Christmas, erwartet weiterhin massiven Stellenabbau und eine hohe Arbeitslosenquote, wenn am Freitag die Juni-Daten vorgelegt werden.

Unabhängig von Telekom - und Konjunkturschwäche dürften Anleger am Mittwoch WorldCom im Auge behalten. Die Aktie verdoppelt sich nachbörslich, nachdem CEO John Sidgmore Durchhalteparolen ausgibt und auf die 2 Mrd. $ Cash verweist, die zumindest ausreichend Liquidität sicherstellten, das operative Geschäft aufrecht zu erhalten. Nun will das Unternehmen eine Anhörung bei der Nasdaq erreichen, um das für Freitag angekündigte De-Listing abzuwenden. Die Aktie des zweitgrößten Anbieters von Ferngesprächen, über den übrigens auch 50 % des weltweiten Internet- und 70 % des weltweiten E-Mail-Verkehrs laufen, sollte Ende der Woche vom Handel an der Nasdaq ausgeschlossen werden.

Zwischen Pessimismus und Skandalen gehen kleine, positive Meldungen ein wenig unter: Research in Motion, der Hersteller von elektronischen Notizbüchern, so genannten Organizern, und Konkurrent von Palm und Handspring, hat die Erwartungen der Analysten im abgelaufenen Quartal geschlagen - noch ist das allerdings auch kein Grund zur ganz großen Freude: Das Unternehmen hat statt einem Verlust von 10 Cent pro Aktie nur ein Minus von 14 Cent eingefahren.

Global beruhigend dürfte sein, dass bei allen Sorgen zumindest die Angst vor Terror an der Wall Street, kaum mehr eine Rolle spielt. Sicher, einen Tag vor "Independence Day", dem amerikanischen Nationalfeiertag am 4. Juli, drohen Warnungen aus den Schlagzeilen aller Tageszeitungen und Washington hat bereits amerikanische Staatsbürger im In- und Ausland zur Umsicht gemahnt. Allein, auf dem Parkett wird über das Thema kaum gesprochen. Nicht etwa, weil man nach dem 11. September abgebrüht sei, sondern vielmehr weil sich ein eventuelles Risiko ohnehin weder beziffern noch in die Kurse einkalkulieren ließe.

© Wall Street Correspondents, Inc.

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