Der Modeschöpfer Pierre Cardin machte seinen Namen zur Marke
Er will es noch mal wissen

Raus aus dem feinen Anzug, rein in die Politik - der Pariser Modeschöpfer Pierre will es noch einmal wissen. Einen besseren Zeitpunkt hätte er dafür kaum finden können: Ausgerechnet an dem Tag, als die deutsch-französische Initiative für Blauhelme im Irak der US-Administration die Zornesröte ins Gesicht trieb, äußerte er sich in einer offiziellen Erklärung der Unesco- Botschafter.

PARIS. Er sei "sehr besorgt über das Kriegsrisiko im Irak". Vorsichtshalber hatte er dabei eine Deutsche an seiner Seite: Ute-Henriette Ohoven, wie der Modemann seit langem als Botschafterin des guten Willens für die Unesco unterwegs. Kündigt sich da etwa nicht nur auf diplomatischer Ebene der Beginn einer wunderbaren Freundschaft an? Das Timing war schon immer Cardins Spezialität.

Nachdem er bei Dior den Zuschnitt geleitet hatte und Konkurrent Balenciaga ihn partout nicht haben wollte, schockte er in Paris 1959 mit der Erfindung der Edel-Mode von der Stange. Aus dem Club der Couturiers flog Cardin hinaus, aber Prêt-à-porter setzte sich durch. Später steckte er die Pilzköpfe aus Liverpool in kragenlose Anzüge. Zudem nahm er als erster Stilelemente aus Japan auf. Cardin, selbst stets nach den bürgerlichen Normen des alten Europa gekleidet, reist wie besessen und verarbeitet die Eindrücke in seinen Entwürfen. So profiliert er sich mit seinen Modekollektionen immer wieder als Avantgardist, dessen Stil fleißig kopiert wurde.

Nicht dass Cardin das stören würde - solange er nur daran verdient. Als erster Pariser Edelschneider lebte der bei Venedig geborene Sohn französischer Eltern seit den sechziger Jahren ohnehin nicht mehr von dem, was er mit Nadel und Faden erschuf. Vielmehr machte er seinen Namen zur Marke und kassiert Lizenzen von denen, die ihn auf ihre Etiketten sticken. Vier Fünftel der Einnahmen seines aus gut zwei Dutzend Firmen bestehenden Imperiums, dessen in Schulheften geführte Bücher er alleine kennt, stammen aus solchen Royalties. Das sicherte dem neben Giorgio Armani letzten konzernunabhängigen Modemacher lange ein königliches Auskommen.

Vor drei Jahren kündigte Cardin, der heute noch jeden Morgen um halb neun an seinem schwarzen Schreibtisch im dritten Stock eines Hauses in der feinen Pariser Rue Faubourg Saint Honoré Platz nimmt, erstmals an, dass er sein Mode-Imperium verkaufen wolle. "Ich habe mir ein bisschen mehr Freiheit verdient", sagt er seither immer wieder. Im Dezember 2002 erneuerte er seinen Verkaufswillen und bekundete, mit vier Interessenten aus den USA, Japan, China und Deutschland zu verhandeln. "Ich würde nie an Bernard Arnault (LVMH) oder François Pinault (Pinault Printemps Redoute) verkaufen." Als deutscher Aspirant outete sich kurz darauf Jan Ahlers, Geschäftsführer einer gleichnamigen Hamburger Modegruppe. Ein Abschluss ist bisher allerdings nicht bekannt geworden. Vielleicht liegt das an dem Inhalt der Schulhefte.

Die Pariser Zeitung "Le Figaro" ermittelte für 2001 einen Jahresumsatz der Cardin-Gruppe von 1,5 Milliarden Euro, die aber nur eine rote Null erwirtschaftet habe. Schulden von bis zu 70 Millionen Euro stehen gegen Immobilienvermögen mit dreistelligem Millionenwert, wie aus der Umgebung der Modegruppe verlautet. Und immerhin gehen Cardins Modegeschäfte wohl so gut, dass er sich die Anlaufverluste seiner Maxim s-Restaurants ebenso leisten konnte wie den Kauf des Schlosses, in dem einst der Marquis de Sade seinen Leidenschaften nachging. "Maxim s verkaufe ich später", sagte Cardin einer Journalistin. Und so scheint auch sein Abstecher in die Politik nicht an Ressourcen zu scheitern.

Den hatte Cardin schon standesgemäß begonnen. "Ich bewohne ein Privatpalais mit Blick auf den Elysée-Palast", sagt er. Das Schlafzimmer habe Blick auf die Gemächer von Präsident Jacques Chirac. Cardin: "Morgens winken wir uns immer zu." VITA Pierre Er wird 1922 bei Venedig als Sohn französischer Eltern geboren.1945 zieht er nach Paris und studiert Architektur. Zwei Jahre darauf wird er Chef der Zuschneide-Abteilung beim Pariser Modehaus Dior und macht sich 1950 mit einem eigenen Atelier selbstständig.

Es dauert drei Jahre, bis er die erste eigene Haute-Couture-Kollektion präsentiert.1959 dann eine bahnbrechende Idee: Cardin erfindet die Designermode von der Stange (Prêt-à-porter) und bricht damit unter den Pariser Modeschöpfern heftigen Streit vom Zaun. 1966 scheidet er aus dem Modenschau-Zirkel der Pariser Ateliers aus. Anfang der 70er-Jahre beginnt er mit eigenen Modenschauen im speziell dafür erworbenen Théâtre des Ambassadeurs, das in "Espace Cardin" umbenannt wird. Mitte der 90er-Jahre beschränkt er dann das Publikum seiner Modenschauen auf eine handverlesene Schar Prominenter.

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