Der Moment, der die Präsidentschaft definierte
Trumpfkarte Anti-Terror-Kampf

Der Präsident war bester Laune. "Barney, willst du etwas trinken?", witzelte George W. Bush und beugte sich zu seinem Hund. "Ich glaube, wir gewinnen", sagte er gegen 22 Uhr gestern Abend.

WASHINGTON. Rund 20 befreundete Familien hatte der Präsident zum Dinner ins Weiße Haus geladen. Und je mehr Umfragen einliefen, desto besser wurde die Stimmung. Die Rechnung von Bushs Chef-Berater Karl Rove schien aufzugehen: Anti-Terror-Kampf und Führungsstärke, lautete die Zauberformel des alten Wahlkämpfers.

Rove hatte Bushs Image kühl kalkuliert und systematisch aufgebaut. Unvergessen jener Auftritt wenige Tage nach dem 11. September 2001: Der Präsident stand in der Trümmer-Wüste von "ground zero" in New York. Er trug eine graue Windjacke und hatte seine Hand auf die Schulter eines Feuerwehrmannes gelegt. "Hört ihr mich? Ich kann euch hören", rief er mit einem Megafon in die Menschenmenge. "Und bald wird euch die ganze Welt hören können", fügte er hinzu. "USA-USA"-Sprechchöre peitschten über den Platz, wo früher das World Trade Center gestanden hatte. Es war der definierende Moment in der Amtszeit Bushs.

Eine tief verunsicherte Nation scharte sich um ihren Präsidenten, der genau das verkörperte, wonach sich viele sehnten: Trost, Führungsstärke, Entschlossenheit. Bush schien durch seinen erklärten Feldzug gegen das Terror-Netzwerk Al Kaida am ehesten dafür zu sorgen, dass das Land von einem weiteren Anschlag verschont blieb. Seine Zustimmungsraten kletterten auf historische Rekordwerte von mehr als 90 Prozent. Der Chef des Weißen Hauses hatte eine persönliche Schallmauer durchbrochen. Für wenige Monate war der Ärger über die Präsidentschaftswahl von 2000 vergessen, die Bush nur durch ein umstrittenes Urteil des US-Verfassungsgerichts gewonnen hatte. Vorbei auch der weit verbreitete Spott über den politisch unbedarften Gouverneur aus Texas.

Als der Oberkommandierende dem afghanischen Taliban-Regime im Oktober 2001 den Krieg erlärte, stand die Bevölkerung geschlossen hinter ihm. In jener Zeit schleuderte Bush den Amerikanern immer wieder Sätze von alttestamentarischer Strenge entgegen. Sätze wie: "Ob wir unsere Feinde der Gerechtigkeit überführen, oder die Gerechtigkeit zu unseren Feinden bringen: Am Ende wird Gerechtigkeit geschehen." Wie keiner seiner Vorgänger vermengte der Präsident Religion und Politik. Vielen US-Bürgern gefiel diese holzschnittartige Einteilung in "Gut" und "Böse".

Dies änderte sich auch nicht, als Bush im Herbst 2002 eine massive Propaganda-Kampagne gegen den Irak einläutete. Die "Beweise" für Saddam Husseins Arsenal an Massenvernichtungswaffen sowie für die Verbindung zu Al Kaida schienen derart erdrückend, dass die große Mehrheit der US-Bürger im März 2003 einen Krieg gegen den Irak unterstützte. Als der Präsident am 1. Mai auf dem Flugzeugträger "USS Abraham Lincoln" das "Ende der Haupt-Kampfhandlungen" im Irak verkündete, war die Welt für ihn noch in Ordnung.

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