Der Monat Oktober lockte die Anleger mit Ausverkaufpreisen
Börsen signalisieren Schwächephase

An der Börse wiederholt sich die Vergangenheit. Auch in diesem Jahr setzte in den Monaten September und Oktober die in vielen Jahren zuvor beobachtete Ausverkaufstimmung ein. Vor allem die Aussichten auf eine zweite Internet-Welle und auf eine Wende in der Geldpolitik der Notenbanken lässt für die Zukunft hoffen.

FRANKFURT/M. Wer geglaubt hatte, die "new Economy" sei in der Lage, das seit weit mehr als einem Jahrhundert übliche zyklische Verhalten der Börse zu verändern, sah sich während der vergangenen Monate arg getäuscht. Richtig ist vielmehr, dass die ungeheuren Impulse der "virtuellen Ökonomie" zwar einen wesentlichen Beitrag für die zeitliche Ausdehnung des Konjunkturzyklus leisteten. Auszuschalten war der zyklische Charakter der Weltwirtschaft auch durch die positiven Elemente der modernen Informations- und Kommunikationswelt nicht.

An der Börse gibt es keine Geschenke

Bezeichnend war, dass die Baisse an den Aktienbörsen gerade zu jener Zeit einsetzte, als die Schlagzeilen der Medien fast ausschließlich mit der These vom angeblichen politischen und ökonomischen Zeitenwandel besetzt wurden. Doch als die virtuelle Ökonomie in einer neuen Goldgräber-Stimmung Ausdruck fand und Begriffe wie Information- Highway, World Wide Web und TMT (für Technologie-, Medien- und Telekommunikationswerte) auch für den "Mann auf der Straße" beinahe zum Normal-Vokabular wurden, war aus Sicht der Börse alles gelaufen. Die an der Spitze der Bewegung dieser ökonomischen Revolution stehenden geistigen Väter hatten ihre Schäfchen zu dieser Zeit wohlweislich ins Trockene gebracht. Wieder einmal wurde deutlich, dass es an der Börse keine Geschenke gibt.

Es war also nicht wirklich überraschend, dass sich der bekannte zyklische und saisonale Charakter der Börse erneut einstellte. Der Hausse der ersten Monate des Jahres folgte die langsame Talfahrt, die in den Monaten September und Oktober erwartungsgemäß in einem Ausverkauf endete. Wieder einmal machte der Oktober seinem Namen als "Monat der Schnäppchenjäger" alle Ehre. Das längst überfällige Platzen der spekulativen Blase in den auf wackligem Fundament stehenden virtuellen Wirtschaftszweigen hat zweifellos erheblich zur notwendigen Bereinigung der Börsen beigetragen.

Trübe Aussichten für die Weltwirtschaft

Sowohl die Anleger als auch die Notenbanken in aller Welt fragen sich heute mit unverkennbarer Sorge, welche Auswirkungen die sich seit geraumer Zeit bei Internet- und anderen Hochtechnologie-Unternehmen abzeichnende Pleitewelle auf die "old economy" haben wird. Wenn auf die Rolle der Börse als Indikator künftiger realwirtschaftlicher Entwicklungen noch immer Verlass ist, dürfte der Weltwirtschaft im Jahr 2001 zunächst einiges Unheil drohen.

Dass Engagements an den Aktienbörsen der Welt für Anleger im laufenden Jahr praktisch einem Nullsummenspiel gleichkamen, wie die untenstehende Tabelle deutlich zeigt, stimmt in diesem Zusammenhang nachdenklich. Die schlechte Wertentwicklung der Börsenindizes ist ein Indiz für die Wahrscheinlichkeit einer im Jahr 2001 stärker als erwartet ausfallenden Konjunkturabkühlung. Dies gilt vor allem dann, wenn die bereits deutlich von Ölspuren gezeichnete Weltwirtschaft weiter mit exorbitant hohen Energiepreisen kalkulieren muss.

Die "Zweite Internet-Welle"

Heute ruht die Hoffnung der Anleger vor allem auf der noch ausstehenden "zweiten Internet-Welle". Denn dass sich die Revolution in den Wachstumsbereichen TMT noch in einem vergleichsweise frühen Stadium befindet und die noch zu zündende zweite Stufe der Tech-Rakete neue Chancen eröffnen wird, steht wohl außer Frage. Die nächste Phase des weltwirtschaftlichen Aufschwungs dürften jene Unternehmen prägen, denen es gelingt, bei der Verschmelzung von alter und neuer Ökonomie Zeichen zu setzen. Aktiengesellschaften, die bei der Zusammenführung der finanziellen und strukturellen Stärken der "old economy" mit den technologischen Vorteilen der "new economy" eine Vorreiterrolle spielen, werden dann auch an der Börse zu den Top-Favoriten zählen.

Es würde überraschen, wenn Alan Greenspan - der mächtigste Geldpolitiker der Welt - über die aktuellen Entwicklungen an den internationalen Aktienbörsen erstaunt wäre. Der Chef der US-Notenbank (Fed) hatte in den vergangenen Monaten mit seinen populär gewordenen Worten von "irrationalen Üppigkeiten" der Börsen auf die ungesunde Entwicklung der einst bestehenden Überbewertung von Aktien hingewiesen.

Oktober war idealer Einstiegszeitpunkt

Dass die Fed unter Alan Greenspan in der jüngten Vergangenheit in der Geldpolitik sehr viel Marktnähe und Pragmatismus gezeigt hat, lässt die Akteure an den Börsen hoffen. Vor dem Hintergrund der absehbaren deutlichen Abkühlung der Weltwirtschaft können Anleger bereits heute darauf spekulieren, dass die Notenbanken in der Welt schon im kommenden Jahr wieder das Ruder herumwerfen und ihre Geldpolitik lockern dürften. Da davon ausgegangen werden kann, dass sich Börsentrends auch künftig dem zyklischen Verhaltensmuster der Vergangenheit anpassen, sprechen nicht zuletzt monetäre Einflussfaktoren dafür, dass der Oktober auch in diesem Jahr wiederum der ideale Zeitpunkt für den Kauf von Aktientiteln war.

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