Der Münchener Chiphersteller hat seine Hausaufgaben gemacht
Kommentar: Infineon hat das Schlimmste hinter sich

Von allzu positiven Prognosen hat sich Infineon-Chef Ulrich Schumacher schon lange verabschiedet. Seitdem er vergangenes Jahr mit seinen Vorhersagen danebenlag und einen Milliarden-Verlust vorlegen musste, ist der Vorstandschef des zweitgrößten europäischen Chip-Produzenten vorsichtig geworden. Der gedämpfte Optimismus, den der Hobby-Rennfahrer gestern bei der Vorlage der Zahlen für das vergangene Quartal zeigte, ist deshalb besonders bemerkenswert.

"Die Talsohle liegt hinter uns", betonte Schumacher. Zu weit wollte er sich dann aber doch nicht aus dem Fenster lehnen und fügte warnend hinzu, "aber es gibt noch keinen Grund zur Euphorie." Leise Zuversicht gibt es auch bei der Konkurrenz, wie gestern bei ST Microelectronics.

In der Tat: Im ersten Quartal hat Infineon besser abgeschnitten als von den meisten Analysten erwartet. Die Verluste sind massiv zurückgegangen, und der Umsatz ist kräftig geklettert.

Das ist freilich nur zum Teil ein Verdienst des Unternehmens. Ein wesentlicher Grund für das bessere Ergebnis sind die stark gestiegenen Preise für Speicherchips, so genannte Drams. Im ersten Quartal zahlten die Kunden für einen Chip bis zu fünf Dollar und damit rund vier Dollar mehr als vor Jahresfrist.

Untätig war Infineon dennoch nicht: Die frühere Siemens-Tochter ist ihre Hausaufgaben mit viel Energie angegangen. Die Produktionskosten für Drams wurden stetig gedrückt. Dadurch rückte der Verkaufspreis näher an die Produktionskosten heran. Darüber hinaus haben die Münchener ihre internen Prozesse offenbar besser in den Griff bekommen und gleichzeitig mehr als 5 000 Stellen gestrichen. Damit noch nicht genug: In den nächsten Monaten sollen die Herstellungskosten für Drams weiter sinken. Damit kann Infineon auch bei wieder fallenden Preisen die Gewinnschwelle leichter erreichen.

Durch die jüngst verkündete Kooperation mit taiwanesischen Herstellern wird das Unternehmen die Entwicklungskosten auf mehrere Schultern verteilen. Zudem steigt der Marktanteil, weil Infineon Zugriff auf größere Mengen bekommt. Mit einem weiteren Produzenten aus Taiwan ist Infineon derzeit in Verhandlungen. Ein Abschluss steht in den kommenden Wochen bevor und sollte eine weitere Kostenentlastung bringen. Die vergangenes Jahr eingeweihte neue 300-Millimeter-Produktion in Dresden wird gegen Ende des Jahres ebenfalls für eine günstigere Produktion sorgen.

Durch die Übernahme der koreanischen Hynix durch Marktführer Micron ist die lange erwartete Konsolidierung der Speicherchip-Produzenten zudem einen wesentlichen Schritt vorangekommen. Dies sollte zu stabileren und höheren Preisen führen.

Für Schumacher ist es trotz aller Fortschritte entscheidend, die Ausgaben weiter im Griff zu behalten. Denn der durch steigende Preise für Speicherchips ausgelöste Aufschwung steht auf wackeligen Beinen. Die PC-Bauer als Hauptabnehmer der Halbleiter bemühen sich schon seit Wochen, die Preise wieder in den Keller zu drücken, indem sie weniger Speicher in ihre Geräte einbauen. Zudem leiden viele Kunden aus der Computer-Branche selbst unter einem gnadenlosen Preiskampf und sind deshalb kaum zu Konzessionen bereit. Schumacher spricht denn auch von einem durchgehend hohen Preisdruck. Besonders bitter ist, dass dies nicht nur für Speicherchips gilt: Da die Weltwirtschaft in vielen Bereichen lahmt, wachsen die Bäume auch in den anderen Sparten nicht in den Himmel. Die Firma verkauft zwar fast durchgehend wieder mehr, kann die früheren Preise aber oft nicht halten.

Vor allem in der Telekommunikation ist in den nächsten Monaten nicht mit einem Aufschwung zu rechnen. Im Gegenteil: Offenbar haben viele Firmen den Tiefpunkt noch nicht erreicht. Weder vom Mobilfunk noch von der drahtgebundenen Kommunikation erwartet Infineon deshalb Impulse. Da auch die Autokonjunktur nicht so läuft wie erhofft, ist selbst in dieser bislang sehr stabilen Sparte kein großes Wachstum in Sicht.

Es gibt noch weitere Belastungen für Infineon: Solange unklar ist, wann Siemens weitere Aktien ihrer früheren Halbleiter-Sparte verkauft, bleiben die Anleger skeptisch. Über kurz oder lang wird der Elektrokonzern den Rest seiner rund 40 % auf den Markt werfen - das ist schlecht für die Infineon-Aktie, die in den vergangenen Monaten ohnehin nicht so gut gelaufen ist.

Aller Gefahren zum Trotz: Infineon steht derzeit wesentlich besser da als noch vor Jahresfrist. Die Ängste, dass bald das Geld ausgeht, sind verschwunden, die Zeiten steigender Quartalsverluste erst einmal vorbei. Sprunghafte Verbesserungen sind in den kommenden Monaten zwar nicht zu erwarten. Aber alles sieht danach aus, als könnte Ulrich Schumacher von Herbst an wieder schwarze Zahlen präsentieren.

Die Ängste, dass bald das Geld ausgehen könnte, sind verschwunden.

Joachim Hofer
Joachim Hofer
Handelsblatt / Korrespondent München
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