Der Napoleon der Boxengasse
„Ferrari ist meine Religion geworden"

Teamchef Jean Todt feiert am Wochenende beim Großen Preis von Frankreich sein zehnjähriges Dienstjubiläum bei der Scuderia.

STUTTGART. Dinge besitzen, ohne von ihnen besessen zu sein, das scheint Jean Todt schwer zu fallen. Alles hat seine Bedeutung, auch die Obsession. Die Füller, die er sammelt, sind ausschließlich "Meister-Stücke" aus limitierten Editionen. An den Uhren, die er trägt, begeistert den Mann, der das Schwungrad der Scuderia Ferrari ist, das perfekte Zusammenspiel aller Zahnräder. Die edlen Autos, die in seiner Garage stehen, haben Epochen geprägt. Aber es gibt auch noch den ideellen Wert. 60 Videokassetten, 60 Bilder - je eins von jedem Ferrari-Sieg in der Formel 1 unter seiner Regentschaft.

Der Napoleon der Boxengasse feiert an diesem Wochenende sein zehnjähriges Dienstjubiläum im italienischen Exil. Eine Fügung des Rennkalenders, dass er den Feiertag in seiner Heimat, beim Großen Preis von Frankreich, begehen kann. Todt wird darin keinen Zufall, kein Schicksal erkennen mögen. Perfektion ist etwas, von dem er ausgeht.

Respekt ist für den 57-Jährigen ein Grundwert, der nur über Wille und Leistung zu erreichen ist. Das wird manchmal selbst Michael Schumacher, der von der Persönlichkeitsstruktur her eine Blaupause Todts sein könnte, unheimlich: "Was Jean leistet, ist außerordentlich. Es ist offensichtlich, was er für das Team erreicht hat. Ich weiß nicht, woher er die Kraft dafür nimmt."

Der Denker und sein Lenker pflegen eine Freundschaft, die im gelegentlich aseptischen Renngeschäft ungewöhnlich vertrauensvoll ist. Die beiden verhalten sich wie Blutsbrüder. Schumacher versucht dem Phänomen mit der Analyse beizukommen: "Jean hat die Stabilität gebracht, weil er die richtigen Leute geholt hat. Er hat sie gestärkt und glücklich gemacht. Sie sind geblieben und haben weiter gekämpft und sind motiviert geblieben."

Sieben Anläufe hat Todt nehmen müssen, um Ferrari wieder an die Spitze zu bringen. Es muss ihm wie eine Ewigkeit vorgekommen sein: "Ein Jahr bei Ferrari zählt wie zehn Lebensjahre." Schon im zweiten, dritten und vierten Jahr nach Schumachers Verpflichtung war das Team ganz nah am Titel, der auch für Todt ein Lebensziel war. Die Crashs und Pannen, die das verhinderten, mussten als Betriebsunfälle abgehakt werden. Einmal, als die Luftleitbleche weiter gebogen waren als erlaubt, bot Todt seinen Rücktritt an. Es wurde abgelehnt. Danach fuhren Ferrari, Schumacher und er drei WM-Titel in Serie ein.

Das System Todt ist das System Schumacher. Die eigentliche Kunst aber besteht darin, die eigenen - gewiss nicht kleinen - Egos in den Dienst der Mannschaft zu stellen. Schon bei seiner Antrittsrede 1993 in Maranello hatte Todt unmissverständlich angekündigt: "Ich bin nicht als Pianist hierher gekommen, sondern als Orchesterchef." Eine Art Geschicklichkeitsprüfung, aber als einer der besten Rallye-Beifahrer des 70er Jahre war der Mann es gewöhnt, Abgründe und Schleuderkurven frühzeitig vorauszuahnen.

Darin ist er Meister geblieben. Wer sonst hätte eine doppelte Stallorder-Affäre wie die in Österreich unbeschadet überstehen können? "Ich habe es nie bereut, zu Ferrari zu gehen", sagt Todt. "Manchmal habe ich gedacht, dass es vielleicht nicht funktionieren wird. Aber ich dachte nie, dass es nicht der richtige Job für mich wäre."

Ein Job - und viel mehr: "Ferrari ist meine Religion geworden."

Quelle: Handelsblatt

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