Der neue Allianz-Chef Diekmann soll für Kontinuität sorgen
Der schnelle Abschied des Schulte-Noelle

Völlig überraschend kündigte gestern Allianz-Chef Schulte-Noelle seinen Rückzug an. Der mächtige Konzernboss sprach von einer "ganz persönlichen Entscheidung". Einen Zusammenhang mit den Milliardenverlusten und den Problemen bei der Dresdner Bank wies er zurück. Nachfolger Diekmann soll für Kontinuität stehen.

MÜNCHEN. Nur ganz kurz konnte Henning Schulte-Noelle einen Anflug von Nervosität nicht verbergen. Seine Hände spielten einige Sekunden lang unruhig mit dem Redemanuskript, als er gestern vor die Presse trat, um seine überraschenden Rückzug bekannt zu geben. Doch sofort hatte sich "Deutschlands mächtigster Manager", wie Schulte-Noelle oft tituliert wurde, wieder im Griff.

Betont souverän, beherrscht, kühl, ohne Emotionen - wie immer - spulte er sein Programm ab. Wenn ihm dieser Tag nach gut elf Jahren an der Konzernspitze weh tun sollte, dann kann er es gut verbergen. "Es ist dies eine ganz persönliche Entscheidung, bestimmt von der eigenen Lebensplanung", sagte der 60-jährige. "Ich weiß, dass der Zeitpunkt meiner Entscheidung nicht nur viele externe Beobachter überrascht", fügte er mit einem kleinen Lächeln an. Heimlich freut sich Schulte-Noelle über seinen gelungenen Überraschungscoup.

Die Nachricht platzte gestern um 13 Uhr 23 wie eine Bombe. Niemand hatte bis dahin mit einem plötzlichen Rückzug Schulte-Noelles zu diesem Zeitpunkt gerechnet. Langwierige und zermürbende Personaldiskussionen sind damit vermieden worden. Und obwohl es bisher immer aus der Allianz hieß, Schulte-Noelle denke nicht an Rücktritt, offenbarte der Konzernchef gestern: "Die Entscheidung ist seit dem vergangenen Jahr gereift."

Schulte-Noelle betonte gestern ausdrücklich, alle andere Spekulationen seien "völlig ohne Grundlagen". Denn schon seit längerem wird hinter vor gehaltener Hand getuschelt, der Missgriff mit der Übernahme der Dresdner Bank und der Absturz der Allianz-Aktie ins Bodenlose könnten Schulte-Noelle nachhaltig schaden. "Der Chef sitzt fest im Sattel", hieß es dazu unisono trotz der lauter werdenden Kritik immer wieder.

Die Zeiten für den erfolgsverwöhnten Allianz-Chef waren zuletzt recht ungemütlich. Er habe sich nie der Illusion hingegeben, ein absolut "besenreines Haus" übergeben zu können, gab der promovierte Jurist nun zu Protokoll. Sein preußisches Pflichtgefühl hat Schulte-Noelle wohl dazu geführt, mitten in der Krise seinen Platz zu räumen - zum Wohle des Ganzen. Die Vermutung, dass er angesichts des Aktienabsturzes entnervt die Brocken hingeworfen hat, widerspricht er heftig: "Wenn der Aktienkurs Relevanz gehabt hätte, dann wäre ich geblieben."

Fest steht: Der Chef übergibt alles andere als ein gut bestelltes Unternehmen. Nachfolger Michael Diekmann - erst der neunte Chef in der 112-jährigen Geschichte der Allianz - tritt ein schweres Erbe: Die Dresdner Bank ist noch lange nicht zurück in der Erfolgsspur. Auch die Sparte Industrieversicherung hat noch zu kämpfen. Ganz abgesehen, vom herben Einbruch der Kapitalmärkte, die dem Versicherer stark zu schaffen macht. Eine Erholung ist hier nicht in Sicht. Im Gesamtjahr 2002 wird wohl unter dem Strich ein deutliches Minus für die Allianz bleiben, damit rechnen auch die Analysten. Auch hat der Konzern durch das Abenteuer Dresdner Bank an Glaubwürdigkeit an den Märkten eingebüßt.

Der neue Chef Diekmann soll nun für Kontinuität stehen. Er wird die Probleme jetzt unbelastet mit neuer Kraft angehen, so die Hoffnung. Die Entscheidung zum Kauf der Dresdner Bank sei vom gesamten Vorstand gefällt worden, betonte Diekmann gestern. Und er fügte sofort an, am Konzept des "integrierten Finanzdienstleisters" werde nicht gerüttelt. Die Integration der Bank werde vielmehr schnell und effizient voran getrieben.

Einen "Fünf-Jahres-Plan" könne er jetzt nicht vorlegen, meinte Diekmann. Er werde sich bis Ende April auf den neuen Job vorbereiten. Doch viel Zeit bleibt ihm nicht, denn der Tanker Allianz muss schnell wieder auf Kurs kommen.

Der Manager gilt als reiner Versicherungsmann. Ihn wird nur interessieren, wie der Verkauf der Allianz-Policen angekurbelt werden kann. Diekmann steht für die Fraktion im Konzern, die in der Dresdner Bank nichts anderes als einen neuen Vertriebskanal sieht. Man darf gespannt sein, wie die Zukunft des Investmentbankings der Dresdner Bank aussieht. Die Zeiten für Dresdner-Chef Bernd Fahrholz, an dem bisher vor allem Schulte-Noelle festgehalten hat, dürften noch wesentlich rauer werden.

Aber Schulte-Noelle gibt die Macht nicht völlig auf. "Wenn ich mich künftig nützlich machen kann, tue ich das gerne", meinte der scheidende Chef. Er will für den Aufsichtsrat kandidieren. Und es ist gilt als wahrscheinlich, dass er auch den bisherigen Aufsichtsratchef Klaus Liesen beerben wird, wenn die Aufseher neu bestimmt werden. Den kritischen Aktionärsfragen auf der nächsten Hauptversammlung am 29. April will sich Schulte-Noelle in jedem Fall noch als Vorstandschef stellen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%