Der neue Chef der Winterthur Versicherung im Porträt
Leonhard Fischer: Immer der Schnellste

Er mag Gummibärchen und Rotwein, aber auch Sushi und grünen Tee. Als bevorzugtes Hobby nennt er "Nachdenken" und die Lektüre der alten griechischen Philosophen. Leonhard Fischer, genannt Lenny, hat sein Image als bunter Vogel der Frankfurter Finanzszene schon immer gepflegt.

FRANKFURT. Und der 39-Jährige war schon immer der Schnellste in einer schnellen Branche. Keiner schaffte so jung wie er den Sprung in den Vorstand einer deutschen Großbank. Aber auch niemand musste so jung wie der charismatische Chef des Investment-Banking der Dresdner Bank und Vorstand des Mutterkonzerns Allianz seinen Posten wieder räumen.

Der Karriereknick war aber nur von kurzer Dauer. Zwei Monate nach seinem plötzlichen Abgang hat er den neuen Posten beim Schweizer Versicherer Winterthur, den er Anfang kommenden Jahres antritt, sicher. Fischer hatte sich auf eine längere Wartezeit eingestellt. Doch schon bald meldete sich Oswald Grübel, der an der Spitze der Winterthur-Mutter Credit Suisse Group steht. Grübel suchte einen Sanierer, der die angeschlagene Versicherungstochter auf Vordermann bringt.

Die beiden Manager kannten sich vorher nicht. Doch die Chemie scheint zu stimmen, denn Fischer und Grübel wurden sich schnell handelseinig, so schnell, dass Fischer noch gar keine Zeit hatte, sich in sein neues Fachgebiet einzuarbeiten. Leicht wird es der Frankfurter Banker in Zürich nicht haben: Am Donnerstag musste die Credit Suisse Group für das dritte Quartal einen Rekordverlust melden. Für zwei Drittel davon ist Winterthur verantwortlich.

Für Fischer ist der Sanierungsjob die nächste Station einer Karriere im Eiltempo: Mit 31 steigt der ehemalige Anleihe- und Aktienderivatehändler zum jüngsten Geschäftsführer der US-Investmentbank JP Morgan in Frankfurt auf. 1995 folgt der Wechsel zur Dresdner Bank, mit 35 Jahren zieht er als Stellvertreter in den Vorstand ein.

Wie kein anderer deutscher Banker verkörpert Fischer Glanz und Elend des Investmentbankings. Ende der neunziger Jahre scheffelten die großen Wall-Street-Häuser Milliarden mit Fusionen, Übernahmen und Börsengängen. Ein lukratives Geschäft, bei dem die Dresdner auch mitmischen wollte, und der smarte Fischer schien genau der richtige Mann dafür zu sein. Doch als der kleine, lebhafte Manager vor zwei Jahren die Verantwortung für das Investmentbanking übernahm, da war der Boom fast schon vorbei.

Die Schwierigkeiten begannen nach dem geplatzten Zusammenschluss zwischen Dresdner und Deutscher Bank. Wegen des Fusionsunfalls kündigten mehr als 200 Investmentbanker Fischer die Gefolgschaft auf und gingen. Den Rest konnte auch der Motivationskünstler nur mit hohen Halteprämien zum Bleiben überreden. Neun Monate später kaufte Fischer das auf Fusionsberatung spezialisierte US-Finanzhaus Wasserstein Perella für mehr als eine Milliarde Euro. Nach dem Platzen der Börsenblase erwies sich der teure Neuerwerb als glatte Fehlinvestition.

Dennoch galt Fischer auch nach der Übernahme der Dresdner durch die Allianz als Aufsteiger. Als einer von drei Dresdner-Managern zieht er in den Vorstand der neuen Mutter ein, verantwortlich für das Investmentbanking und das Firmenkundengeschäft (Corporate & Markets). Verzweifelt kämpft er gegen die roten Zahlen, gegen die Folgen des Aktiencrashs und gegen Altlasten aus dem Kreditgeschäft. Er senkt zwar in kurzer Zeit radikal die Kosten. Doch sein Bereich schließt in den ersten sechs Monaten dieses Jahres mit einem dicken Verlust ab.

Aber das war es nicht, was Fischer seinen Job kostete. Der Manager nimmt für sich in Anspruch immer mit offenem Visier zu fechten. Und in der Tat, ein Taktierer ist er nicht. Fischer hatte sich für einen raschen Umbau der Dresdner Bank ausgesprochen. Er kämpfte für mehr Selbstständigkeit von Corporates & Markets. Am liebsten hätte er für den Bereich, den er für "unterskaliert" hielt, einen Partner gesucht. Auf seine hemdsärmeligen Investmentbanker konnte er sich stets verlassen. Die konservativen Firmenkundenbetreuer haben ihm jedoch nie vertraut. Vor allem die einflussreichen Regionalfürsten leisteten Widerstand. Letztlich setzten alte Seilschaften, die die Dresdner als Ganzes erhalten wollten, seiner Allianz-Karriere ein Ende.

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