Der neue Chef des Nachrichtensenders N-TV im Porträt
Johannes Züll: Ein Mann für schwierige Fälle

RTL-Chef Zeiler schickt sein Nachwuchstalent in die Hauptstadt. Johannes Züll soll den Nachrichtenkanal N-TV profitabel machen. Im dritten Jahr der Werbekrise ist dabei Kreativität gefragt.

DÜSSELDORF. Nebenan toben sich die Bagger an morschen Wänden aus, Staub liegt über dem Quartier im Herzen von Berlin. Nicht nur in der Nachbarschaft von N-TV wird fleißig umgebaut und renoviert, sondern auch im Sender.

Innerhalb der RTL-Senderfamilie ist der im vergangenen Jahr gekaufte Hauptstadtkanal der große Verlustbringer. Der 37-jährige Johannes Züll - der Star unter den RTL-Nachwuchsmanagern - soll den chronisch klammen Nachrichtenkanal ins Plus bringen. Nur bis nächstes Jahr haben die beiden Gesellschafter Bertelsmann und AOL Time Warner ihm dafür Zeit gegeben.

Doch Zeitdruck ist der schlanke, sportliche Manager, der große öffentliche Auftritte eher scheut, gewohnt. "Züll ist der beste Mann, den Zeiler derzeit hat", sagt ein RTL-Manager. Züll selbst charakterisiert sein Verhältnis mit dem RTL-Vorstandschef so: "Ich glaube, wir verstehen uns sehr, sehr gut." Diesen Rückhalt kann er für seine Aufgabe bei N-TV auch gut gebrauchen.

Zülls Meisterstück war die Internet- und Merchandisingtochter RTL New Media. Innerhalb eines Jahres hatte er das angeschlagene Unternehmen aus den roten Zahlen geholt. Wenn er sanieren muss, scheut der frühere Unternehmensberater auch vor Entlassungen nicht zurück. Das gilt auch für sein neuestes Projekt in Berlin.

"Zum derzeitigen Zeitpunkt wäre es verfrüht, einen weiteren Personalabbau auszuschließen. Wir werden detailliert prüfen", formuliert es Züll diplomatisch. Dabei arbeitet der Sender nach der jüngsten Entlassungswelle schon jetzt mit einer dünnen Personaldecke. Bis Ende April soll die Entlassung von 70 Mitarbeitern abgeschlossen sein. Derzeit produziert der Sender sein 24-stündiges Programm nur noch mit 300 Angestellten.

Züll will bei N-TV Dampf machen. "Geduld ist nicht seine Stärke", sagt ein ehemaliger Mitarbeiter. Der Sanierer, der erstmals einen TV-Sender leitet, muss sich allerdings noch einarbeiten. Täglich nimmt er an den Redaktionskonferenzen um 9.30 und 18.30 Uhr teil, spricht mit vielen Mitarbeitern und wichtigen Werbekunden. Über seinen Führungsstil urteilt er: "Ich führe das Unternehmen, aber ich muss nicht jede Einzelentscheidung treffen." Wohl auch aus diesem Grund loben Kollegen seine menschliche Art.

In seinem schmucklosen, milchig-weiß gestrichenen Büro in einem fast 100 Jahre alten Gebäude - unweit der schicken Einkaufsmeile Friedrichstraße - blickt der Analytiker auf den ständig laufenden N-TV-Bildschirm. Viel Werbung sieht der gelernte Wirtschaftswissenschaftler mit MBA-Titel derzeit allerdings nicht. Das will er schon bald ändern.

"Ich sehe mich als Partner - einer, der der Werbewirtschaft nahe steht", sagt er. Deshalb will er eng mit der in Köln ansässigen Vermarktungsfirma IP Deutschland, eine Tochter der RTL-Senderfamilie, zusammenarbeiten. Neue Kunden, neue Werbeformate, neue Reklameprodukte - Kreativität ist im dritten Jahr der Werbekrise gefragt. Für ihn steht das Programm nicht im Vordergrund seiner Arbeit, dafür gibt es erfahrene Chefredakteure. Zudem ist sein Verhältnis zum Medium Fernsehen emotionslos. Privat schätzt er die Talkshow des Branchenzynikers Harald Schmidt von der Konkurrenz Sat 1.

Dass das Nachrichtengeschäft hartes Business ist, hat Züll bereits in den ersten Wochen gelernt. Der Irak-Krieg beschert dem Sender, dessen Quote mit 0,6 Prozent Zuschaueranteil im letzten Jahr ansonsten auf dem Niveau des deutsch-französischen Kultursenders Arte liegt, eine Verdreifachung des Zuschaueranteils in Spitzenzeiten. "Wir müssen Zuschauererfolg in Markterfolg umsetzen", fordert Züll. Eine diffizile Aufgabe. Denn die meisten Werbekunden verspüren wenig Lust, zwischen den Bombardements auf Bagdad und schwer verletzten Soldaten Reklamespots zu schalten.

Bei Bertelsmann gilt Züll als Nachwuchstalent. Der frühere Fernsehmanager und jetzige Chef der Direct Group, Ewald Walgenbach, holte den Unternehmensberater von der Boston Consulting Group zu der damaligen CLT-Ufa nach Luxemburg. Im Reich des späteren Fernsehkonzerns RTL Group machte Züll, der sich gerne an seinen zweijährigen Aufenthalt in Bangkok als Berater für Coca-Cola und andere amerikanische Firmen erinnert, in den letzten vier Jahren schnell Karriere. Er sitzt bereits in zahlreichen Aufsichtsräten wie bei den Sendern Super RTL, Vox oder der Teleshoppingtochter RTL Shop.

Seine fränkische Heimat sieht Züll daher nur noch selten. Seine Liebe zum 1. FCN kann der gebürtige Nürnberger meist nur über den Bildschirm mitverfolgen. Auch selbst mal das Leder zu treten, ist die große Ausnahme in der knappen Freizeit, die ihm zur Verfügung steht. Bei N-TV gibt es schließlich viel zu tun und jeder Euro ist wichtig. Wann es wieder mit dem Fernseh-Werbemarkt aufwärts geht, ist unsicher. "Die Visibilität", sagt der N-TV-Geschäftsführer und benutzt bewusst das neue Modewort der Branche, "ist ähnlich wie bei einem Sandsturm in der Wüste."

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa
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