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Der Neue Markt ist mehr als ein Börsenproblem

Die Neuordnung des Neuen Marktes ist für einige von Vorteil. Doch IT-Unternehmer Prof. August-Wilhelm Scheer (Foto) warnt vor dem Glauben, mit einem Premiumsegment werde alles wieder gut.

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Für Anleger kann das Premiumsegment ein Hinweis auf die Seriosität der dort vertretenen Unternehmen sein. Doch es wäre ein Trugschluss würde man daraus ableiten: Alles wird gut. Dafür ist zu viel Vertrauen in die Innovationskraft der deutschen Wirtschaft verloren gegangen. Mit den neuen Segmenten und Regelungen zeigt die Deutsche Börse den Willen zur Veränderung. Bei näherer Betrachtung wird man jedoch erkennen, dass es kosmetische Korrekturen sind. Weiterhin liegt bei der Unternehmensbewertung der Fokus auf den Finanzzahlen anstatt auf den qualitativ-fachlichen Aspekten der Unternehmensentwicklung. Formale Kriterien, ob ein Unternehmen seine Zahlen pünktlich liefert oder eine Analystenkonferenz abhalten kann und die englische Business-Sprache beherrscht, sagen noch nichts über die Potenziale und die Erfolgschancen eines Unternehmens aus und haben bereits in der Vergangenheit Banken und Analysten zu falschen Bewertungen verleitet. Konsequenzen aus den Skandalen Mit diesen Maßnahmen werden vor allem Konsequenzen aus den Skandalen gezogen, die viel zu lange die Schlagzeilen der Medien bestimmten. Doch: Ist mangelnde Transparenz wirklich der Kern des Problems? Ein paar Startups, die auf ihrem Egotrip den Boden unter den Füßen verloren haben? Mit der Umbenennung des Neuen Marktes drückt man sich um die bittere Wahrheit herum: Das Ende des Neuen Marktes ist das Eingeständnis, dass Deutschland kein Innovationsland ist. Die Versprechungen und Erwartungen, aus Deutschland innovative Produktideen in Markterfolge umzusetzen, sind nicht erfüllt worden. Mit dem Neuen Markt ist mehr gescheitert als ein Börsensegment. Es rüttelt an den Grundpfeilern der Zukunftsfähigkeit unserer Wirtschaft und an der Effizienz der Forschungspolitik. Ein Blick zurück Der Start des Neuen Marktes im März 1997 war ein deutliches Signal, dass man in Deutschland endlich begriffen hatte, wie wichtig Wagniskapital und die Börse für junge Unternehmen sind. Er sollte Bedingungen schaffen, um in neuen Innovationsthemen vorne mit dabei zu sein und internationale Markterfolge finanzieren zu können . Aus den Fehlern der Computer-Ära wollte man lernen: In den 80er Jahren, als der Computermarkt international aufgeteilt wurde und die IT-Erfindungen weltweit Wirtschaft und Gesellschaft veränderten, hatte Deutschland viel von seiner einstigen Innovationskraft verloren. Die alten Unternehmen waren der Dynamik junger amerikanischer Hard- und Softwareanbieter nicht gewachsen. Bei jungen Deutschen war Unternehmertum "out" und diejenigen, die eine Unternehmensgründung wagten, hatten es ungleich schwerer als ihre Mitbewerber in den USA. Drüben entstanden früh Campus-Unternehmen, die Risikokapital erhielten. Große Anbieter wie Dell, Microsoft, IBM, Oracle - um nur wenige zu nennen - dominieren heute die IT-Märkte und sind Zugpferde für amerikanische Jungunternehmen, deren Produkte sie mit vertreiben. Das deutsche Erfolgsbeispiel SAP kann die US-Übermacht im IT-Markt alleine nicht ausgleichen. Neues Börsensegment sollte vieles in Schwung bringen Das vor allem für Technologiewerte gegründete Börsensegment sollte deshalb vieles in Schwung bringen und junge Menschen wieder ermutigen, Unternehmen zu gründen. Die Zufuhr von Wachstumskapital sollte die Entwicklung der Unternehmen ermöglichen. In neuen, noch unbesetzten Marktsegmenten mit teils großen Wachstumsperspektiven wie e-Commerce, e-learning, Biotechnologie, Multimedia, Logistik und Prozessoptimierung trat eine junge Generation an, die etwas "unternehmen" wollte. Der Neue Markt trug der Erkenntnis Rechnung, dass Zukunftstechnologien der Motor der wirtschaftlichen Entwicklung sind und Innovation durch junge Unternehmen gefördert wird. Die Gründungswelle um das Jahr 2000 zeigte die ersten Erfolge. Heute blicken wir auf einen Scherbenhaufen. Die Wachstumsbörse hat nur ganz wenige Produkte "made in Germany" international erfolgreich platzieren können, die in Einzelfällen sogar eine führende Rolle in Teilmärkten einnehmen. Doch auf breiter Front hat es Deutschland nicht geschafft, in den neuen Hightech-Gebieten global vertreten zu sein. Das ist die eigentlich schlechte Botschaft. Wieder ist es trotz einer Grundlagenforschung von Weltruhm und Milliarden an Fördermitteln nicht gelungen, in großem Stil aus der Forschung marktreife Produkte zu entwickeln. Blick auf einen Scherbenhaufen Hier liegt das Versagen. Und das wird die Änderung des Labels nicht vertuschen oder gar ändern können. Internationale Investoren kommen nicht deshalb zurück, weil Unternehmen die Höhe der Vorstandsgehälter veröffentlichen. Für junge Menschen, die ein Unternehmen gründen wollen, ist es nicht sehr motivierend, wenn weniger ihre innovative Idee beurteilt wird als die Fähigkeit, komplizierte Zahlenwerke zu erstellen. Es ist sogar zu befürchten, dass sich Analysten aufgrund der formalen Kriterien weiterhin darin bestärkt sehen, Unternehmen nach Finanzzahlen anstatt nach ihrer Innovationskraft zu bewerten. Einmal mehr hat Deutschland als Innovationsstandort versagt. Es fehlt eine intakte Wertschöpfungskette von der Grundlagenforschung über die Prototypentwicklung und Produktentstehung bis zur Vermarktung, in welcher Risikokapital und Börsengänge ein wichtiges Glied bilden. Ohne finanzielle Schubkraft aber können sich Spinoff-Unternehmen aus der Forschung in einer zunehmend globalisierten Wirtschaft nicht erfolgreich etablieren. Einige Nemax-50-Unternehmen werden den Sprung ins Premiumsegment schaffen und bei besserem Börsenumfeld und weiter guten Ergebnissen davon auch profitieren. Die Mehrzahl wird es aber nicht retten. Das zarte Pflänzchen Neuer Markt ist verwelkt, bevor es Früchte tragen kann. Weil der Boden, aus dem es gepflanzt wurde, zu sauer ist. (*) 1985 legte der gebürtige Westfale Prof. Dr. Dr. h.c. mult. August-Wilhelm Scheer den Grundstein für die IDS Scheer AG. Seit November 1999 ist Scheer Beauftragter des Ministerpräsidenten des Saarlandes für Innovation, Technologie und Forschung. Lesen Sie mehr über den leidenschaftlichen Jazz-Musiker in seinem Portrait weiter ...

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