Der neue Ruhrgas-Chef gilt intern als distanziert
Burckhard Bergmann: Europas Mr. Gas muss jetzt richtig Gas geben

Er hat Stehvermögen. Über 20 Jahre sitzt er schon im Vorstand. Aber erst heute kann der 58-Jährige an die Spitze der Ruhrgas AG vorrücken. Burckhard Bergmann muss mit dem Konzern den Aufstieg zur Nummer eins im liberalisierten europäischen Gasmarkt schaffen.

HB. Es kommt selten vor, dass der Bundeskanzler höchstpersönlich einem neuen Vorstandschef gratuliert. Und auch wenn es der bedeutendste Posten in der deutschen und einer der wichtigen in der europäischen Gasbranche ist, würde Gerhard Schröder heute wohl kaum zur Amtsübergabe bei der Ruhrgas AG von Friedrich Späth zu Burckhard Bergmann nach Essen kommen. Doch der geplante Zufall will, dass der Gasgigant, der 1926 als "Aktiengesellschaft zur Kohleverwertung" gegründet wurde, gleichzeitig sein 75-jähriges Jubiläum mit 2400 Gästen feiert.

Burckhard Bergmann kann gute politische Beziehungen in seinem neuen Job an der Ruhrgas-Spitze gebrauchen. Denn in den nächsten Monaten hat der promovierte Physiker eine schwere Aufgabe vor sich: Der 58-Jährige muss verhindern, dass die EU-Kommission in Deutschland eine Regulierungsbehörde für den Gasmarkt einrichtet. Brüssel will solche Einrichtungen in allen Mitgliedsländern installieren und plant sogar eine Super-Regulierungsbehörde in der belgischen Hauptstadt.

Deutschland steht im Kampf gegen die Brüsseler Pläne allein gegen den Rest der Europäischen Union. Die Deutschen behaupten fest, dass das System der Freiwilligkeit dem Regulator überlegen sei, selbst wenn die Geburtswehen der Marktöffnung dies manchmal übertünchen würden. Für den Zugang zu den Netzen müsse Deutschland eine Übergangszeit gewährt werden, zumal der Markt in einem Schritt völlig geöffnet wurde, lautet das Credo der Gasmänner. Bergmann und sein Vorgänger Späth verweisen auf Kalifornien. "Dort steht der Energiemarkt durch Missregulierung vor dem Kollaps", ist Bergmann überzeugt.

Kein Revolutionär

Der neue Ruhrgas-Chef gilt keineswegs als Revolutionär. Aber er muss den Konzern im liberalisierten Markt neu ausrichten. Er will das Unternehmen als wichtigsten Player im europäischen Gasgeschäft von der Quelle bis zum Endkunden positionieren. Dabei will er die langfristigen Lieferverträge als "für Verbraucher und Produzenten bewährtes Instrument" weiter pflegen. Auch die Preisbindung an das Öl sieht er nicht als überholt an. "Wir sind von wenigen Produzenten abhängig. Ohne das System der Ölpreisbindung sind wir deren Willkür ausgeliefert", stellt der Technikfreak kurz und bündig fest.

Der gebürtige Münsterländer gehört bei Ruhrgas zum Urgestein. Nach kurzen Stationen von 1968 bis 1972 im Bundesministerium für Forschung und Technologie und bei der Kernforschungsanlage Jülich begann Bergmann schon 1972 als Bereichsleiter für Flüssigerdgasbeschaffung beim Ruhrkonzern.

Bereits 1980 stieg der Autonarr - seinen roten Porsche parkte er in den Anfangsjahren immer dezent weit ab von der Essener Hauptverwaltung - unter dem damaligen Vorsitzenden Klaus Liesen zum Vorstandsmitglied und Chefeinkäufer auf. Der heutige Aufsichtsratsvorsitzende Liesen hatte Anfang der siebziger Jahre die mit Abstand wichtigste Gasquelle Russland erschlossen.

Konkurrenz voller Hochachtung

In den vergangenen beiden Jahrzehnten profilierte sich Bergmann, der intern als "Distanzmensch" gilt, als die dominante Figur im europäischen Gashandel. Der passionierte Jäger baute nicht zuletzt die Kontakte zum zweitwichtigsten Lieferland Norwegen auf. "Ohne Bergmann läuft im internationalen Handel nichts", charakterisiert ihn die Konkurrenz voller Hochachtung.

Mr. Gas schaffte es auch, in den Aufsichtsrat der Gazprom, des weltgrößten Gasproduzenten, berufen zu werden. Bergmann hatte maßgeblich daran gearbeitet, dass Ruhrgas zum wichtigsten ausländischen Aktionär bei Gazprom aufstieg. Bergmann kann sich vorstellen, dass der Anteil von fünf Prozent bald verdoppelt wird. "Aber das wird das Maximum sein." Außerdem will er sich beim norwegischen Energieriesen Statoil beteiligen.

Es gibt noch eine andere große Herausforderung. Eon-Chef Ulrich Hartmann will Ruhrgas unter seine Kontrolle bringen. Doch wegen der komplexen Aktionärsstruktur - Montaneigner und Ölmultis sind in Beteiligungsfirmen miteinander verwoben - wird die Übernahme langwierig werden, falls sie überhaupt gelingt.

Solange die Dividenden stimmen, kann Bergmann wie seine Vorgänger die unterschiedlichen Interessen der Aktionäre zum Vorteil der Ruhrgas ausspielen. Gut verdient hat der Konzern immer, auch wenn die Margen in den vergangenen Jahren gesunken sind.

Als engagierter Fußballer weiß Bergmann, dass Teamgeist den Erfolg bringt. Als Golfer muss er sein Handicap verbessern. Das wird ihm aber erst nach seiner Pensionierung gelingen. Eine alte Golferweisheit besagt, das Handicap beweise, wie lange ein Golfspieler im Büro verweilt. Sein "Handicap 44" deutet darauf hin, dass er seinen Schreibtisch selten verlässt.

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