Der neue Sportdirektor führte 40 Patienten-Gespräche: Die Psychologie des Dr. Kohler

Der neue Sportdirektor führte 40 Patienten-Gespräche
Die Psychologie des Dr. Kohler

Als alle über ihn sprachen, legte sich Jürgen Kohler Zurückhaltung auf und sonderte Allgemeinplätze ab. "Die Mannschaft und der Trainer sind verantwortlich für den Erfolg", sagte der 37-Jährige, als er nach dem 4:1 von Bayer Leverkusen über Hertha BSC Berlin zu einem kurzen Interview bereit war. Die ersten Schlagzeilen waren formuliert: Kohler wurde zum "Heilsbringer", "Vater des Sieges" oder in Anspielung auf seinen Spitznamen gar zum "Rausch auslösenden Kokser".

LEVERKUSEN. Nein, betonte Kohler, natürlich habe er keine feurige Ansprache in der Spielerkabine gehalten, das sei die Aufgabe von Trainer Thomas Hörster. Sechs Tage lang hatte der frühere Nationalspieler geredet, als könnten allein Worte ein krankes Pferd wieder auf Trab bringen. Im Moment des Triumphes gab sich Kohler wortkarg.

Fast 40 Einzelgespräche hatte er mit allen Spielern, dem großen Trainer- und Betreuerstab sowie den leitenden Verantwortlichen geführt. Seinen Job als Sportdirektor bei Bayer 04 Leverkusen ging der Welt- und Europameister so konsequent an wie alle Spiele in seiner aktiven Profi-Karriere. Kompromisslos grätschte Kohler dazwischen, wenn in den Gesprächen - die zuweilen Therapiesitzungen ähnelten - die Klienten auch nur leise Zweifel äußerten.

"Über Abstieg rede ich nicht. Wir sprechen über Kampf und Leidenschaft", sagte Kohler: "Wir müssen vom Verlierer-Image wegkommen und zeigen, dass wir Gewinner-Typen sind." Die große allgemeine Verunsicherung durfte nicht mehr thematisiert werden, der Begriff "zweite Liga" wurde zum Tabu. Sechs Tage hatte sich Kohler bis zu elf Stunden auf dem Klubgelände aufgehalten, um seine Mission aufzunehmen. Einer wurde zu seinem speziellen Patienten: Oliver Neuville. Den Nationalstürmer, der mit größter Verunsicherung und steil abfallender Formkurve zum leibhaftigen Symbol des Absturzes beim Vizemeister geworden war, päppelte Dr. Kohler mit seinen simpel erscheinenden Psychologie-Leitlinien besonders wirkungsvoll auf.

Auch beim Training mischte der einstige Abwehrspieler mit und profilierte sich als "Gute-Laune-Onkel". Dass die Maßnahmen auf fruchtbaren Boden fielen, wurde schnell klar. Schon kurz nach Kohlers Erscheinen schien ein anderer Wind zu wehen. Gegen Berlin beim höchsten Saisonsieg trat das Team selbstbewusster, kampfstärker und risikofreudiger auf. "Mit Kohler ist die Stimmung besser geworden. Er hat Spaß und Optimismus rein gebracht", sagte Hans-Jörg Butt zur Verwandlung. Der Torhüter traute sich erstmals seit seinem Fehlschuss am 30. Spieltag vor einem Jahr gegen Bremen, damals dem Anfang vom Ende der Titelträume, wieder einen Elfmeter zu schießen, den er zur Führung (14.) verwandelte. Zuletzt hatten Bernd Schneider und Neuville insgesamt drei Elfmeter "vergeigt".

Kohler hob Schneider, Neuville und den in die Abwehr zurückgekehrten Juan in seiner Kurzkritik hervor. Schneider hatte das 2:0 durch einen 20-m-Freistoß in der Art eines Zidane oder Beckham erzielt. Als der Nationalspieler jubelnd zur Ersatzbank eilte, blieb nur Kohler auf seinem Platz sitzen. Seine Gratulation reduzierte er auf einen Fingerzeig. Der Sportdirektor wollte keinen Schatten auf Trainer Hörster werfen. Immerhin hatte der Kölner Stadt-Anzeiger Kohler nach dessen Einstellung schon als "Oberhörster" tituliert.

Neuville, der zwei Tore erzielte (40., 69.), nachdem er ein halbes Jahr ohne Treffer geblieben war und zuletzt weder der ersten Bayer-Elf noch der Nationalmannschaft angehört hatte, spielte wieder so stark wie in der vorigen Saison. "Er hat mich sehr motiviert. Aber was er mir gesagt hat, das bleibt intern", sagte Neuville zu Kohlers Wirken. Als er in der 88. Minute ausgewechselt wurde, setzte Neuville sich sofort auf die Bank neben seinen Motivator. Vor der großen Jubel-Parade setzte sich der Sportdirektor aber ab. Später sagte er, Leverkusen könne "doch Endspiele gewinnen", dennoch sei nur ein erster Schritt geschafft.

"Jürgen hat mit seiner Erfahrung auch einiges dazu beigetragen", gab Hörster zu: "Mit seinem Auftreten hat er Lockerheit in die Mannschaft gebracht." Der Trainer war der Einzige, der plötzlich noch verkrampfter wirkte als zuvor. "Ich höre nicht auf, ich trainiere die Mannschaft weiter", sagte er. Sein Verdienst ist es, das betont auch Kohler, dass er das Team taktisch stabiler gemacht hat, als es unter Toppmöller auftrat. Mit drei Siegen, einem Remis und zwei Niederlagen ist die Bundesliga-Bilanz von Hörster vor dem Auswärtsspiel in Stuttgart positiv.

Parallel zu Kohlers Krisenmanagement hat sich Manager Reiner Calmund in den Hintergrund verzogen. Der Manager überlässt dem neuen Frischzellen-Arzt die Bühne. "Man sieht, was eine Personalentscheidung bewirken kann", sagte Calmund.

Das musste bei den Berlinern auch Trainer Huub Stevens feststellen, der Marko Rehmer für den verletzten Dick van Burik aufgestellt hatte. Der Nationalspieler hatte ebenso Anteil am Bayer-Sieg wie Kohler. Er verursachte den Straf- und den Freistoß vor den ersten beiden Toren. Beim dritten Gegentreffer brachte er sich im Laufduell mit Neuville selbst zu Fall. Zur Pause wurde er gegen Dennis Lapaczinski ausgewechselt.

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