Der Neue Vorstandschef der Tchibo-Holding AG
Reinhard Pöllath: Der besonnene Schlichter

Seit Jahren streitet die Familie Herz über den Kurs des Kaffee- und Kosmetikimperiums Tchibo. Nun soll Pöllath den Zwist zwischen den Geschwistern schlichten - sonst droht der Konzern zu zerfallen.

HAMBURG. Eigentlich wäre der Mann für seine beiden Kinder gerne ein treu sorgender und liebevoller Familienvater. Doch der Rechtsanwalt mit randloser Brille und leicht ergrautem Haar hat kaum Zeit. Mehr als 70 Stunden in der Woche wühlt sich Reinhard Pöllath durch Aktenberge, telefoniert mit Bankern oder jettet zu Verhandlungen quer durch Europa.

Seine Tochter Johanna findet den Zustand haltlos: Sie hat ihrem Vater deshalb ein blaugrünes Freundschaftsband geschenkt, das er neben seiner Uhr trägt. Das soll ihn täglich daran denken lassen, dass es außer seiner Arbeit noch wichtigere Dinge im Leben gibt.

Ihren Vater an seine Familienpflichten zu erinnern - damit könnte ihm Johanna einen guten Dienst erwiesen haben. Denn: Was der 54-Jährige als neuer Chef der Tchibo-Holding AG brauchen wird, ist Feingespür dafür, wie man den streitwütigen Nachwuchs wieder miteinander versöhnt. Seit Jahren stehen sich bei der Hamburger Kaufmannsdynastie Tchibo die zwei Eigentümergruppen nach Angaben von Mitarbeitern "wie zankende Kleinkinder gegenüber".

Auf der einen Seite stehen Günter Herz und seine Schwester Daniela, die zusammen knapp 40 Prozent an der Holding besitzen. Auf der anderen Seite sind es die Brüder Michael, Wolfgang und Joachim, die mit 50,5 Prozent knapp die Mehrheit halten. Sie streiten um die künftige Ausrichtung des milliardenschweren Konzerns. Dazu gehört unter anderem die 30-prozentige Beteiligung am Hamburger Kosmetikriesen Beiersdorf sowie an der Kaffeekette Tchibo.

Derzeitiges Zankobjekt ist der Anteil an der Beiersdorf AG. Schon Ex-Vorstandschef Ludger Staby versuchte, die Beteiligung an dem profitablen Kosmetikgiganten aufzustocken. Doch immer wieder kamen sich die Familienzweige ins Gehege und wollten der jeweils anderen Partei ihre Vorstellungen aufs Auge drücken. So scheiterte zum Beispiel die Übernahme der Tabak Austria durch die Tchibo-Tochter Reemtsma. Statt die Tabaksparte auszubauen, musste sie an den Konkurrenten Imperial verkauft werden.

Nun soll Pöllath einen zweiten unternehmerischen Gau bei den Beiersdorf-Anteilen verhindern. Als eine Art Schlichter soll er die beiden verfeindeten Familienstämme zusammenführen, um möglichst schnell Entscheidungen herbeizuführen. Denn der Tchibo-Chef will offenbar das 44-prozentige Beiersdorf-Paket übernehmen, das die Allianz hält. Dem Versicherungskonzern sei bereits eine "Skizze" für ein Angebot vorgelegt worden, betont der Vorstand.

Doch Pöllath ist skeptisch, ob der Versicherungsriese das Angebot annimmt: "Nach meiner persönlichen Meinung wird es uns nicht gelingen, Beiersdorf zu übernehmen." Es wäre bereits ein Erfolg, wenn die Tchibo-Holding ihren Anteil auf 49 Prozent aufstocken könnte.

Ob die Allianz aber einen Teil ihres Paketes an Tchibo abgibt oder ihre gesamte Beteiligung möglicherweise an ein anderes Unternehmen wie Procter & Gamble oder Unilever veräußert, ist unklar. Auch die Möglichkeit, dass der Versicherungskonzern weiterhin größter Einzelaktionär bei Beiersdorf bleiben wird, räumt Pöllath ein - die Preisvorstellungen gehen stark auseinander.

Für den neuen Chef drängt die Zeit. Aus aktienrechtlichen Gründen hat der Rechtsexperte für Fusionen und Übernahmen nur ein Jahr. Dann müsste er den Stab an einen anderen weitergeben. Doch der bedächtig redende Jurist hofft, dass spätestens zum Jahresende eine Lösung gefunden wird.

Die Aufgabe des neuen Tchibo-Chefs ist pikant. Denn persönlich steht Pöllath vor allem den Geschwistern Michael, Wolfgang und Joachim sehr nahe, die die Mehrheit am Konzern halten. Sie aber hatten ihren Bruder Günter Herz - nach 36 Jahren - Anfang 2000 aus seinem Amt als Vorstandschef gedrängt. Ein Rausschmiss, den dieser bis heute offenbar nicht verarbeitet hat.

Gelänge Pöllath die Versöhnung der Geschwister, dürfte er als mehrfacher Sieger gefeiert werden. Dann hätte er nicht nur den Tchibo-Konzern stabilisiert. Er könnte sich auch wieder seiner Familie widmen - vielleicht braucht er dann das Freundschaftsband seiner Tochter nicht mehr zu tragen.

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