Der niedrige Börsenwert macht viele Unternehmen zu Übernahmekandidaten
Fast geschenkt – und doch zu teuer

In der Boomphase kannte die Fusionitis keine Grenzen. Nach dem Börsensturz kosten viele Firmen weniger als die Hälfte. Wenn dann auch noch die Ertragskraft stimmt, ist man "übernahmereif". Am Dienstag traf es mit Edscha einen kleinen Wert. Doch auch im Dax finden sich potenzielle Opfer. Experten sehen aber keinen Übernahmeboom.

DÜSSELDORF. Es gibt sie noch: große amerikanische Investoren, die wie einst die gefürchteten Raider (Firmenjäger) in den siebziger Jahren nach billigen Unternehmen suchen. Am Dienstag übernahm die US-Finanzgruppe Carlyle den Remscheider Auto-Zulieferer Edscha. Aktionäre erhalten 26,50 Euro je Anteilsschein. Das ist ein Zugewinn von gut 10 % und mehr als 60 % gegenüber dem Kurs vom Frühjahr.

Es lohnt sich also, nach Übernahmekandidaten zu fahnden. Insbesondere in Deutschland, denn hier hat die Baisse zu den größten Kursverlusten geführt. Bei fast allen Unternehmen wurde ein Börsenwert von mehr als 50 % vernichtet. M.M. Warburg macht 16 Unternehmen ausfindig, die für Investoren interessant sein könnten. Voraussetzungen sind neben dem niedrigen Börsenwert ein hoher Kassenbestand, die breite Streuung an der Börse und das Merkmal "erstklassiges Unternehmen", also gute Marktposition und Produkte sowie ein starkes Management. Je stärker die Kriterien erfüllt sind, desto größer ist die Gefahr oder Chance für eine Übernahme. Selbst "sehr prominente Vertreter der deutschen Wirtschaft" könnten sich derzeit nicht sicher sein, die schwache Konjunktur- und Börsenphase unbeschadet zu überstehen, glauben Sven Dopke und Susanne Schwartze von M.M. Warburg.

Das Bankhaus hält sechs Dax-Werte für übernahmegefährdet - vier besonders stark: So führe bei Bayer der hohe Konglomeratsabschlag auf Grund der Aktivitäten in der Chemie und im Pharma-Sektor zu einer niedrigen Börsenbewertung. Entweder gelinge mit einer Managementholding eine erfolgreiche Umstrukturierung oder eine Übernahme werde den wahren Wert des Konzerns offen legen. So könnten Teilbereiche, beispielsweise die Agrosparte gesondert an die Börse gebracht werden.

Eon gehört mit einer Marktkapitalisierung von 35 Mrd. Euro zwar nicht zu den billigen Dax-Unternehmen, ist aber gemessen an seiner Ertragskraft und niedrigen Bewertung für Ölkonzerne interessant, die ihre Geschäftsfelder - im Bewusstsein der begrenzten Ölreserven - ausbauen wollen. Mit Wulf Bernotat steht bald ein ehemaliger Shell-Manager an der Spitze von Eon. Schering lassen der hohe Cash Flow und die Bilanzkraft, MAN die niedrige Bewertung und die Phantasie, die sich aus einem Umbau der vielfältigen Portfoliostruktur ergibt, zu Übernahmekandidaten werden.

Unisono halten Investmentstrategen eine Reihe deutscher Unternehmen für "übernahmereif", weil Zahlen und Fakten dafür sprechen. Doch obwohl Firmenkäufe zum Teil weniger kosten würden als die Summe aus Bargeld und Ertrag nach Ausschlachten lukrativer Segmente ergibt, erscheint ein Übernahmeboom unwahrscheinlich. "Übernahmen werden nur bei hohen Börsenkursen gemacht, wenn die Geschäfte gut laufen", weist Peter-Thilo Hasler von der Hypo-Vereinsbank auf ein Missverhältnis hin, wonach es am meisten Übernahmen gibt, wenn sie am teuersten sind. Hasler fragt sich, warum "Raider" nicht in Deutschland zugreifen.

High-Tech-Firmen am Neuen Markt wie Atoss, Syzygy, Poet, Update Software und QSC sind inzwischen so tief gefallen, dass der aktuelle Aktienkurs niedriger ist, als das Bargeld pro Aktie. Aufkäufer brauchen sich also nur in der Kasse zu bedienen - vorausgesetzt es schlummern keine teuren (Alt-)Lasten. Dennoch empfiehlt Hassler Aktionären nicht, auf Übernahmekandidaten und eine Prämie im Falle des Aufkaufs zu setzen: "Häufig fallen die Kurse noch weiter, und man wartet sich zu Tode."

Auch bei Konrad Becker von Merck Finck & Co überwiegt Skepsis. "Wenn der niedrige Preis das wichtigste Argument ist, dann wären alle deutschen Banken übernahmegefährdet. Ebenso wie M.M. Warburg mag sich Becker allerdings nicht vorstellen, dass Banken - die Commerzbank kostet derzeit nur ein Drittel ihres Buchwertes - im Visier ausländischer Finanzinstitute stehen: "Wer eine Firma übernimmt, will seinen Gewinn erhöhen. Mit deutschen Großbanken wie Commerzbank und Deutsche Bank würden sich ausländische Häuser ihre Margen vermiesen. Ihre Hässlichkeit schützt deutsche Banken vor einer Übernahme. Wettbewerbern läuft nichts weg, wenn sie jetzt nicht zugreifen."

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