Der oberste Ökonom der Weltbank kennt das Elend in der Dritten Welt aus erster Hand
Nicholas Stern: Moralist und Marktwirtschaftler

Globalisierungskritiker sehen in Nicholas Stern eine Spitzenkraft des "neoliberalen Establishments". Doch der Chefvolkswirt der Washingtoner Weltbank ist alles andere als ein kalter Kapitalist.

MÜNCHEN. Im Grunde seines Herzens ist Nicholas Stern ein Linker geblieben. Einer, der sich getrieben fühlt von der "moralischen Pflicht", etwas zu tun gegen Elend und Armut. Jemand, der warnt vor einem allzu "naiven Glauben an die Marktwirtschaft". Ein Mann, der nichts weniger will, als die Welt zu verändern, ganz so wie damals, in den wilden sechziger Jahren.

Heute allerdings würde Stern einen Teufel tun und sich öffentlich als Linker bezeichnen. Selbst dass er ein britisches Labour-Parteibuch besitzt, möchte er lieber nicht in der Zeitung lesen. Schließlich hat sich sein Betätigungsfeld ein wenig verschoben - weg von der Studentenbewegung, hin zur Weltbank. Seit Mitte 2000 arbeitet der 56 Jahre alte Brite dort als Chefvolkswirt und Senior Vice President. Globalisierungsgegner sehen in ihm einen Hohepriester des Ultra-Kapitalismus, das "Weltbank-Äquivalent zu Kardinal Ratzinger im Vatikan".

Nur werden die Kritiker ihm damit nicht einmal ansatzweise gerecht. Sicherlich, das Ökonomie-Studium in Oxford hat ihn zu einem strammen Marktwirtschaftler gemacht: In der Privatwirtschaft sieht Stern die wichtigste Quelle für Wachstum und Wohlstand, für fast ebenso wichtig hält er den freien Welthandel. Aber Stern ist eben kein Fundamentalist: Den Blick für die Schwächen des Systems hat er sich bis heute bewahrt. "Marktwirtschaft ist keine Ideologie", betont er. Ohne einen starken Staat funktioniere die Sache nicht. "Der Staat muss die Grundlagen schaffen, damit der Markt seine Magie entfalten kann."

Noch vor wenigen Jahren haben das viele bei der Weltbank und im IWF ganz anders gesehen - sie waren eingeschworen auf den "Washingtoner Konsens" und predigten so wenig Staat wie nur irgend möglich. Vor diesem blinden Vertrauen hat Stern schon vor zehn Jahren gewarnt, damals noch als Professor an der London School of Economics. Heute sagt er klipp und klar: "Der Markt-Fundamentalismus hat in den Entwicklungsländern viel Schaden angerichtet."

Stern weiß, wovon er spricht. Die bittere Armut in der Dritten Welt kennt er seit Jahrzehnten aus erster Hand. Immer und immer wieder hat er Entwicklungsländer bereist. Erst als Student und Tourist, später als Wissenschaftler. Mit 17 und einer Reise nach Mexiko fing alles an, es folgten lange Touren in den Iran und nach Äthiopien. Die Erfahrungen hinterließen einen tiefen Eindruck: "Wenn Sie das nackte Elend der Menschen mit eigenen Augen sehen, fühlen Sie die Pflicht, die Ursachen der Armut zu verstehen und den Menschen zu helfen." Nach drei Jahren Mathe-Studium sattelte er daher auf Volkswirtschaft um, spezialisiert sich später auf Entwicklungsökonomie.

Am stärksten geprägt hat ihn seine Zeit im nordindischen Dorf Palanpur. Acht Monate lebte Stern dort 1974 unter den Einheimischen, ohne Strom und ohne fließend Wasser. Der junge Dozent aus Oxford wollte Daten sammeln über den Lebensstandard der Menschen, die ökonomischen Rahmenbedingungen verstehen. Dafür hatte er privat Hindi gepaukt und sich ein Dreivierteljahr frei genommen. Denn ohne solide empirische Daten, davon ist er bis heute überzeugt, kann kein Ökonom seriöse Politikempfehlungen geben. Und jenes Dorf in Indien wird ihn sein gesamtes Leben nicht los lassen - bis heute reist er fast jedes Jahr nach Palanpur, um sich ein Bild über die Lage zu machen.

Daheim forschte er damals über abstrakte Wachstumsmodelle und entwarf ein theoretisches Konzept zur idealen Besteuerung in Entwicklungsländern - "bahnbrechende Arbeiten", für die Stern dieses Jahr den renommierten Preis des Münchener Center for Economic Studies (CES) bekam. "Mit seinen Beiträgen zur Theorie der optimalen Besteuerung hat er eine ganze Generation von Finanzwissenschaftlern geprägt", lobt Bernd Huber, Ökonomie-Professor an der Universität München.

Zur Weltbank kam Stern durch einen Mann, mit dem er bereits seit 1969 befreundet ist: Joseph Stiglitz. In Kenia sind sich die beiden damals zufällig über den Weg gelaufen - Stern arbeitete dort an einer Studie über die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Teebauern, Stiglitz forschte am Institute for Development Studies in Nairobi. Dreißig Jahre später kreuzen sich ihre Berufswege erneut: Als Stiglitz 2000 als Chefvolkswirt der Weltbank zurücktritt, wird Stern sein Nachfolger. Stiglitz hatte mit seiner beißenden Kritik am Markt-Fundamentalismus des IWF öffentlich viel Porzellan zerschlagen. Offiziell ging Stiglitz freiwillig, inoffiziell hatte die US-Regierung seinen Kopf gefordert. Als letzte Amtshandlung leitete der Nobelpreisträger die Suche nach seinem Nachfolger - und empfahl dafür einen Mann namens Stern.

Der, schrieben damals die Zeitungen, sei ein viel konzilianterer Typ als der rauhbeinige Stiglitz. Aber wenn es der Sache dient, nimmt auch Stern kein Blatt vor den Mund. Ende November erst provozierte er einen Eklat mit der EU-Kommission. Der EU - und den USA - warf er "Heuchelei" vor. Man predige den Entwicklungsländern die Vorteile von Marktwirtschaft und Freihandel - und schotte sich mit Zöllen und Subventionen gegen Importe ab. Die EU-Kommissare Fritz Fischler und Pascal Lamy konnten diese Wahrheit nicht vertragen. In einem offenen Brief an den "lieben Nick" warfen sie ihm kurzerhand Inkompetenz vor - Stern verbreite "kontinuierlich falsche Fakten".

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