Der Online-Umsatz nimmt in der Sonderverwaltungszone rasch zu
Hongkong stürzt sich ins Cyber-Shopping

Hongkong wirft sich dem Internet mit wehenden Fahnen in die Arme. Bands mit Namen wie "Online" stürmen die Hitparaden. Banker desertieren scharenweise zu Start-ups. Busse, U-BahnSchächte und Werbetafeln in den Hochhausschluchten sind gepflastert mit Anzeigen von Jungunternehmen mit einem ".com" im Titel. Blue-Chips wie der Immobilienriese Sun Hun Kai oder der Mischkonzern Hutchison Whampoa geben sich mit Hilfe ihrer E-Commerce-Ableger Internet-Appeal und vermarkten sich an der Börse als New-Economy-Unternehmen. Internationale Unternehmen schließen sich mit lokalen Partnern zusammen, um den asiatischen Markt zu erobern. Hongkong gibt sich dem Zeitgeist hin.

HONGKONG. Die Hongkonger - Technikfetischisten, chronisch in Eile und immer auf der Suche nach Schnäppchen - folgen dem Zeitgeist willig und stürzen sich ins Cyber-Shopping. Den Marktforschern von ACNielsen zufolge hat bereits jeder zehnte Internetsurfer einmal über das Netz eingekauft. Johnny Tsan, Direktor Kundenservice bei ACNielsen in Hongkong, glaubt, dass es im kommenden Jahr bereits jeder vierte sein wird.

Hongkonger kaufen jedoch anders im Netz als Europäer. Online-Banking, im Westen längst durchgestartet, steckt wegen Sicherheitsbedenken in den Kinderschuhen. Lebensmittel und Kleider lassen sich jedoch immer mehr via Web direkt ins Haus liefern. Hier misst Tsan die größten Zuwachsraten. Kein Wunder, dass das Enfant-terrible der örtlichen Unternehmer, der Verleger Jimmy Lai, Hongkongs reichstem Mann, den Tycoon Li Ka-shing plötzlich das Fürchten lehrt: Lais Internet-Supermarkt Admart liefert direkt ab Lager und macht Zwischenhändler wie Lis Lebensmittelkette Parknshop überflüssig. Lis Rache ist schmerzhaft: Er entzog Lais Zeitungen die Anzeigen.

Beim Internet-Shopping erweisen sich die Hongkonger als Kosmopoliten: Sie kaufen genauso viel in Übersee wie zu Hause. Im Durchschnitt gibt jeder Online-Käufer laut ACNielsen 3000 HK$ (810 DM) im Jahr aus. Der Gesamtmarkt ist allerdings noch winzig: Hongkonger Konsumenten setzten im vergangenen Jahr 100 Mill. HK$ (27 Mill.. DM) im Netz um. Die Berater der Gartner-Group erwarten jedoch, dass der Online-Umsatz in der Stadt bis 2004 auf 3,8 Mrd. US$ anschwillt - vor allem getrieben durch Internet-fähige Wap-Handys. E-Commerce-Unternehmer schauen jedoch über den begrenzten Markt der Stadt und sehen ihn als Brückenkopf für ihre Expansion auf das chinesische Festland, das exponentielles Wachstum verspricht.

Das gilt nicht nur für den Online-Handel mit Endverbrauchern (Business to Consumer oder B2C), sondern auch für den Handel zwischen Unternehmen (B2B). Hier wittern Branchenexperten die wahre Goldgrube, und der Gründerboom ist in vollem Gang. Beispiel Hutchison Whampoa: Der Mischkonzern betreibt unter anderem Häfen. Mit seinem Online-Arm portsandportals.com vernetzt er Spediteure, Reeder, Versicherer und Zollbehörden und beschleunigt so die Ladezeiten von Schiffen. Andere Geschäftsmodelle zielen von Hongkong aus auf den ganzen Kontinent: Der örtliche Telekom-Marktführer Cable & Wireless HKT und der US-Softwaregigant Oracle wollen mit ihrer Online-Handelsplattform eMarketplace bald Firmen aus ganz Asien mit der Welt verkabeln. Der B2B-Riese Commerce One, Betreiber des Global Trading Web, hat ähnliche Ziele. Das Nasdaq-Unternehmen hat mit sieben Konzernen aus China und Hongkong das Portal "Asia2B" aus der Taufe gehoben. Es soll Hongkong zum Dreh- und Angelpunkt der gesamten B2B-Palette zwischen dem Reich der Mitte und der Welt machen. Tempo und Effizienz auch im E-Business.

Vom Tempo und der Effizienz, mit der Hongkonger Konzerne das Internet erobern, können Europäer lernen, meint der Internet-Analyst Antonio Tambunan von der Deutschen Bank. Hutchison und das Internetunternehmen Pacific Century Cyberworks (PCCW) - beide kontrolliert vom Li-Clan - sind für ihn vorbildlich. "Sie sind schnell, verfügen über Kapital, Kunden und gute politische Beziehungen, heuern die besten Manager und springen sofort auf jede neue Entwicklung auf," schwärmt Tambunan. Für ihn entstehen mit Hutchison und PCCW die ersten asiatischen "E-Chips" - Blue-Chips der neuen Internet-Wirtschaft. Und beide Unternehmen haben für ihn das Potenzial, bald auch global ganz vorne mitzuspielen. Aber längst nicht alle Hongkonger E-Commerce-Seiten halten, was ihre pompöse Werbung verspricht. Viele sind lediglich billige Kopien amerikanischer Vorbilder, und Analysten klagen über die Vielzahl von Unternehmen ohne überzeugendes Geschäftsmodell, das in absehbarer Zeit Gewinne bescheren soll.

Der Hongkonger Staat hinkt der Privatwirtschaft beim Online-Engagement kaum nach: Bürger können ihre Steuererklärung per Internet abgeben, Lieferanten öffentliche Ausschreibungen über das Netz einsehen und darüber auch ihre Angebote einreichen. Die Post entwickelt ein sicheres elektronisches Zahlungssystem, und die Wirtschaftsförderer vom Trade Development Council haben ihre Website zu einem ressourcenreichen Portal ausgebaut, durch das Mittelständler online Kontakt mit Lieferanten und Abnehmern aus aller Welt aufnehmen können. Autor: Müller, Oliver

Quelle: Handelsblatt
Oliver Müller
Handelsblatt / Korrespondent
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