Der PC wird zur intelligenten Streichholzschachtel
Computer werden immer leistungsfähiger

"Totgesagte leben länger": Der PC von morgen soll sich zum universellen und mobilen Alleskönner weiterentwickeln.

HB DÜSSELDORF. Jörg Eberspächer entwickelt Visionen: "Die Nach-PC-Ära ist bereits in vollem Gange", glaubt der Professor für Kommunikationsnetze an der TU München. Er hält die schwerfälligen grauen Kästen bereits heute für antiquierte Auslaufmodelle und rechnet damit, dass der Desktop in seiner klassischen Form schon bald im Orkus der Technikgeschichte verschwinden wird. Glaubt man den Trendaussagen der Computerexperten, schillert die Zukunft der mausgrauen Heimcomputer in schrillen Farben: Die fortschreitende Chip-Miniaturisierung dezimiert die klobigen "alten Schinken" mit all ihrer Technik auf die Größe einer Streichholzschachtel. Sie werden künftig obendrein leicht, flexibel, vernetzt und kabellos sein.

Als Trend auf der diesjährigen Cebit zeichnet sich die künftige Verschmelzung von PC, Mini-Rechnern (PDA) und Handys ab: Mobile Alleskönner, die Surfbox, MP3-Player und Digitalkamera als Universalgenie vereinen, sollen die sperrigen grauen Kisten ablösen. Wie eine Umfrage der Marktforscher von Giga Information Group in Europa und den USA ergab, wünschen sich PC-müde Computer-Nutzer einen kleinen, tragbaren Handheld für unterwegs, der mit wenigen Handgriffen zum Desktop avanciert. Im Vordergrund steht dabei die leichte Bedienung per Stift, mittels Sprache und Mimik.

Während sich die Sättigungskurven des PC-Geschäfts beharrlich ihren Grenzwerten nähern, leiden die Gewinnmargen der Rechnerschmieden beständig unter Schwindsucht, und das obwohl mit den Kleincomputern allerorten noch stolze Umsätze generiert werden.

Daher hofft die PC-Branche darauf, dass die mobilen Geräte zusätzlich zu den Desktops gekauft werden und das Geschäft anheizen. Die Kleinrechnerindustrie sträubt sich daher noch, den PC ins Museum zu schicken: "Der klassische PC ist noch lange nicht tot", ist sich Michael Dell, Chef der PC-Schmiede Dell Computer, sicher. Die High- Tech-Marktforscher von der Cahners In-Stat-Group erwarten, dass der ungelenke Desktop-PC den Markt auch noch in den nächsten Jahren anführen wird. Allerdings wird sich die PC-Welt weg von festen Computersystemen hin zu mobilen Lösungen bewegen, "und das wird einen Rieseneffekt auf die Industrie haben und die Arbeitsweise der Menschen tiefgreifend ändern", prophezeit Dell. Bei Dells Konkurrent Compaq rechnet man damit, dass sich das heutige Verhältnis von vier verkauften Desktops gegenüber einem mobilen Computer bis 2005 umdrehen wird.

Den "PC für alle" wird es zwar weiterhin geben, aber mit neuen Aufgaben, Design und Technologie, so glaubt man bei IBM. Das Universalgerät soll zum Spezialisten avancieren: zugeschnitten auf wenige Anwendungsgebiete, etwa für Finanzanwendungen, Multimedia oder Spiele. Das würde die Kleinrechner zudem viel preiswerter machen.

Chaners In-Stat-Group prognostiziert in seinen "Computing Trends" für die fernere Zukunft sogar das gänzliche Aussterben der grauen Kisten als verkäufliches Produkt: Der Kunde zahlt künftig nur noch für bestimmte Informations- und Servicepakete, etwa für die Recherche im Netz oder die Erstellung seiner Bilanz - die Programme dafür kommen aus dem Netz. Eine Praxis, die sich stark an die Geschäftsmodelle der Application Service Provider anlehnen: die Nutzer brauchen lediglich noch ein Internet-Terminal auf dem Schreibtisch, alles weitere, sei es Textverarbeitung, Datenbank oder E-Mail-Programm sind im Web, und sogar die Daten können dann auf einem gemieteten Speicherplatz über das Internet abgelegt werden.

Die erforderlichen NetPC (NC) bietet die Branche zuhauf: IBM forciert sein Zugpferd mit dem Codenamen "Luxor" und bringt alle Rechnerteile im Bildschirmfuß des 15-Zoll-Flachbildschirms unter. Als "dummes Terminal" für Internetzugang und E-Mail kommt der Thin-Client ohne Festplatte und komplexes Innenleben aus. Einer Studie des Fraunhofer Instituts für Systemtechnik und Innovationsforschung zufolge werden 2015 jedoch erst ein Fünftel aller Geräte ihre Programme übers Internet beziehen.

Die Umfrage, bei der 300 Experten aus Wirtschaft und Wissenschaft zur Entwicklung der Medienzukunft befragt wurden, erwartet zwar in naher Zukunft keinen blitzartigen Wandel der PC-Welt, rechnet jedoch mit massiven Umwälzungen bei der PC-Technik bis zum Ende des Jahrzehnts: Intuitive Spracherkennung wird die Benutzung der Tastatur bis dahin nahezu völlig verdrängt haben. Hochauflösende Flachmonitore, so dünn und leicht wie Papier und so flexibel, dass sie zusammengerollt werden können, dienen gleichzeitig als Wanddekoration.

Texte und Grafiken werden per Laser an die Wand projiziert. Und während man bislang etwa für 3D-Spiele noch mit lästigen Shutter-Brillen vor dem Rechner sitzen muss, sollen in Zukunft brillenlose 3D-Displays die virtuelle Heldin Lara Croft im Abenteuerspiel "Tomb Raider" als Hologramm durch die Cyberwelten huschen lassen. 3D-Holotron-Displays, etwa von Visureal Displaysysteme aus Oelsnitz, die heute noch als schwarz-weiße 6-Zoll-Prototypen rund 30 000 Mark kosten, erwartet die Fraunhofer-Studie um das Jahr 2015 als Serienprodukt. Aber auch die Software soll in den nächsten zehn Jahren leistungsfähiger werden: Intelligente Software-Agenten können den Inhalt bildlicher Informationen selbstständig erkennen und so z.B. jugendgefährdende Medienangebote herausfiltern.

Daneben werden die scharfsinnigen Software-Heinzelmännchen sogar selbstständig Textpassagen aus Büchern oder Dokumenten analysieren und Zusammenfassungen daraus vornehmen können oder "auf Zuruf" Informationen aus Medienangeboten jeglicher Art und unterschiedlichen Quellen recherchieren.

Überdies wird auch die Miniaturisierung des Innenlebens der grauen Kisten weiter vorangehen: An der Yale- Universität arbeiten Forscher an einem Computer auf Molekular-Basis - die digitalen Ein-Aus-Werte werden jeweils in einem Molekül gespeichert.

Der "Atom-Computer", der wesentlich leistungsfähiger sein soll und anders als seine heutigen Silizium-Brüder mit deutlich weniger Energie etwa aus einer Knopfzelle auskommt, dürfte in den nächsten fünf bis zehn Jahren auftauchen. Nach den Vorstellungen des Techno-Querdenkers und Sun-Mitgründers Bill Joy wird ein normaler 1 000-Dollar-PC dadurch im Jahr 2060 etwa so leistungsfähig sein, wie alle menschlichen Gehirne auf der Welt zusammen. Das ist nicht unumstritten. Allerdings: Schon heute besitzten Handys die Rechenleistung eines ausgewachsenen Desktop-PC.

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