Der Pechiney-Chef im Profil
Jean-Pierre Rodier: Der eiserne Stratege

"Diese Transaktion ist kein Rückschlag für Frankreich, ganz im Gegenteil." Keiner der Analysten im Saal wagt den Widerspruch, als der Chef des französischen Aluminium- und Verpackungskonzerns Pechiney, Jean-Pierre Rodier, vor knapp zweieinhalb Jahren vor ihnen den Coup seines Lebens ausbreitet.

"Wenn Pechiney von Alcan und Alusuisse als Partner akzeptiert worden ist, dann, weil der Konzern wieder profitabel geworden ist", verkündet er damals stolz.

Schon ein paar Wochen später ist von den selbstbewussten Tönen des Vorstandschefs nichts mehr zu hören. Rodier ist am Boden zerstört, und der Fehlschlag für Frankreich ist unübersehbar. Mit der ihm eigenen Schärfe hat EU-Wettbewerbskommissar Mario Monti den französischen Konzern noch vor einer formellen Untersagungsverfügung aus dem Dreierbund herauskomplimentiert. Nach dem Treffen der drei Konzernbosse mit Monti steht Rodier vor dem großen Nichts - der Mann, der die treibende Kraft der ursprünglich von der kanadischen Alcan angeregten Fusion war.

Aber der 55-jährige Manager mit der hohen Stirn ist niemand, der so leicht aufsteckt. Jetzt, etwa zweieinhalb Jahre nach seiner Schlappe, hat er mit einem neuen Deal endlich Erfolg. So hat er sich vor kurzem das Aluminiumgeschäft der britisch-niederländischen Corus Plc. gesichert, für rund 750 Millionen Euro. Damit befördert er Pechiney nach eigenen Angaben bei der Aluminium-Transformation weltweit direkt hinter Alcan und Alcoa auf Platz drei. Der Preis für den Aufstieg ist aber hoch: Die Corus-Übernahme verdoppelt fast den Verschuldungsgrad von Pechiney auf 62 Prozent.

Doch so hat der machtbewusste Bergbauingenieur die Chance, seinem Ruf als Sanierer der französischen Metallindustrie Ehre zu machen - und so auf Augenhöhe mit dem acht Jahre älteren Stahlmanager Francis Mer zu gelangen. Der hat vor seinem Wechsel auf einen Ministersessel immerhin den weltgrößten Stahlkonzern geschmiedet.

Wie Mer hat es Rodier in seiner Karriere immer wieder geschafft, auf beiden Seiten des politischen Spektrums zu überzeugen. Nach dem Besuch der Eliteuniversitäten Polytechnique und Ecole Supérieure de Mines steigt er 1983 bis zum Berater des Premiers Pierre Mauroy auf, dessen Regierung Pechiney gerade verstaatlicht hatte. Als dann zehn Jahre später der konservative Premier Edouard Balladur einen fähigen Manager sucht, der den maroden Staatskonzern Pechiney sanieren und an die Börse bringen soll, fällt die Wahl schnell auf Rodier.

Der unauffällige Manager, den auch heute noch niemand in der Pariser U-Bahn oder auf dem Wochenmarkt als Konzernboss erkennen würde, hatte sich in der Branche seine Sporen verdient. So brachte er die Suez-Leichtmetalltochter Union Minière trotz Preiskrieg und Absatzflaute in der Branche wieder in Form. Rodier bewies mit Geschick und Offenheit, aber auch einer gehörigen Prise Brutalität seine Saniererqualitäten.

Bei Pechiney löste er Jean Gandois ab, der mit dem sozialistischen Präsidenten François Mitterrand hoffnungslos zerstritten war und den Konzern an den Rand des Desasters manövriert hatte. Bei Pechiney erforderte seine Sanierungsarbeit aber einen wesentlich längeren Atem als bei Union Minière. Zuerst war er im Verpackungsgeschäft erfolgreich. Heute packt kaum ein Pharmakonzern oder Kosmetikproduzent seine Pillen nicht auch in Plastikpackungen von Pechiney.

Im Alu-Geschäft hingegen musste er nach der Fusions-Schlappe erst einmal eine wesentlich bescheidenere Strategie verfolgen. Aber mit geschickt eingefädelten Joint Ventures in Schwellenländern wie Venezuela, Südafrika, bald auch in Indien ist er unter einer Welle von Problemen hindurchgetaucht, der die großen Konkurrenten mit breiter Brust zu trotzen versuchten. Und mit dem Corus-Deal hat er jetzt den Sprung in die Spitze der Weltliga geschafft. Rodier versucht zudem, mit eigenen Patenten oft billiger als die Wettbewerber zu produzieren.

Dass Jean-Pierre Rodier angesichts Hunderter lokaler Partner einmal den Anschluss verpassen könnte, fürchtet der verheiratete Vater zweier Kinder nicht. Während statusbewusste Konzernlenker in Frankreich ihre Anweisungen immer noch von zahllosen Mitarbeitern weiterreichen lassen, hat er schon früh die E-Mail als Führungsinstrument entdeckt.

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