Der Phantasie sind kein Grenzen gesetzt: Verrückte Job-Titel haben in den USA Hochkonjunktur

Der Phantasie sind kein Grenzen gesetzt
Verrückte Job-Titel haben in den USA Hochkonjunktur

Startups wie Traditionsunternehmen erfinden in den USA die kuriosesten Titel für ihre Mitarbeiter und heften ihnen verbale Orden an die Brust. Das Ziel: Die Motivation ihrer Leute zu steigern.

Mein Name ist Paul Simpson, ich bin der Vizepräsident für Kundenfreude. Was kann ich für Sie tun?" Wenn der Kundendienstbeauftragte der Software-Firma Trellix am Telefon Fragen oder Beschwerden entgegennimmt, bekommt er meist ein ungläubiges Lachen am anderen Ende zu hören. "Und das ist gut", meint er. "Das bricht das Eis sofort."

Vor einem Jahr ist der ehemalige Kundendienst-Direktor auf diesen märchenhaft anmutenden Posten befördert worden - Gehalt und Aufgaben blieben allerdings gleich. Bei der US-Firma mit 100 Mitarbeitern regierte eine Zeit lang sogar ein "Kaiser für Aufklärung", ein PR-Fachmann, der aber inzwischen sein Zepter bei der Konkurrenz schwingt. Der Rest der Trellix-Belegschaft gibt sich laut Simpson mit stinknormalen Berufsbezeichnungen zufrieden. "Vor fünf Jahren", meint er, "hätte ich wahrscheinlich noch vor solch einem schrägen Titel auf meiner Visitenkarte zurückgeschreckt. Heute liegt so was aber total im Trend."

Hauptsache die Motivation stimmt

Phantasievolle Job-Beschreibungen haben insbesondere bei den jungen, unkonventionellen Web-Firmen Hochkonjunktur. "Die Leute wollen ihre Individualität betonen. Schließlich soll die Dotcom-Arbeit Spaß machen und so wenig wie möglich an herkömmliche Hierarchien erinnern", zitiert das US-Magazin "Business Week" den Psychologen David Petersen von der Personalberatungsfirma Personnel Decisions International.

So entspringt denn auch ein Großteil der unkonventionellen Titel den kreativen Köpfen der Beschäftigten selbst. Viele Startups lassen ihnen dabei auch freie Hand. Der Grund: Hauptsache, die Motivation der Mitarbeiter lässt sich steigern - und das auch noch kostengünstig. Denn nachdem der Traum vom schnellen Reichtum in der Dotcom-Welt wie eine Seifenblase geplatzt ist, ist vielerorts auch die einst so viel gerühmte beschwingte Arbeitsatmosphäre dahin.

Auch Alison Epstein fand es "viel zu langweilig", nur zum Verkaufspersonal von Zwirl.com, einem Software- Entwickler für E-Commerce, zu gehören. Statt "Salesperson" ist sie ganz offiziell "Crusader", also ein Kreuzritter oder auch ein Kämpfer für den guten Zweck. "Ich habe an Jeanne d'Arc gedacht. An etwas Junges, Energiegeladenes eben, das meinen Job zu neuem Leben erweckt", erklärt sie.

Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt

Ob himmelschreiendes Pathos, hintergründiger Humor oder esoterische Anflüge - der Phantasie scheinen keine Grenzen gesetzt. So sucht ein durchaus ernstzunehmendes Unternehmen wie das E-Commerce-Startup IN Seattle einen "Internet Code Krieger". Und der Gründer des Software-Entwicklers Loudeye Technologies stellt sich als "Minister für Ordnung und Verstand" vor, während sein Finanzchef "Minister für Dollar und Vernunft" heißt.

Für Loudeyes Pressesprecher - pardon - "Sultan of Spin" Erik Ryan ist es eine logische Entscheidung. Es ginge schließlich um die interne Arbeitsatmosphäre, nicht darum, den Rest der Welt zu beeindrucken. "Wir sehen uns als kleine Bananenrepublik", sagt Strippenzieher Ryan und befindet sich damit in bester Gesellschaft. Die Suchmaschine Bigfoot leistet sich ein "Notwendiges Übel" (technischer Notdienst), Design Continuum beschäftigt einen "Visionär" und Roya Zamanzadeh, ehemals CEO der Web-Designfirma Pear Transmedia, kommt nun täglich beschwingt als "Kuratorin des erleuchteten Obstgartens" ins Büro.

Titel-Rennen der anderen Art

"Außerhalb der Firma stelle ich mich durchaus mit einer kleinen Erläuterung zu meiner Funktion vor", erzählt Dan Sertz, der als "Direktor für tolle Leute" für das Personalmanagement der Web-Beratungsfirma Xcelerate zuständig ist. Selbstverständlich würden bei Job-Ausschreibungen der Klarheit halber eher traditionelle Titel verwendet, doch die prinzipielle Abweichung von der Norm zeige, dass "Xcelerate ein vorwärts denkendes Unternehmen ist".

Die gesamte Branche von Silicon Valley bis Silicon Alley scheint einen sportlichen Ehrgeiz entwickelt zu haben, den witzigsten, ungewöhnlichsten, aufmerksamkeitsheischendsten Titel zu erfinden. Dabei gibt es auch etliche neue, eher beschreibende Berufsbezeichnungen, die schlicht aus der Not geboren wurden. Immerhin hat die New Economy eine Vielzahl von Jobs geschaffen, denen die herkömmlichen Titel nicht mehr gerecht werden. So hat der "Chefs für Wettbewerb" beim Kleincomputerhersteller Palm die Aufgabe, die Konkurrenz im Auge zu behalten. Die Software Great Bridge LLC-Firma hat einen "Vizepräsident für Hacker-Beziehungen", und der Software- Entwickler Air Media beschäftigt einen "Content Guy", der sich um die Inhalte kümmert.

Übermäßiger Praxisbezug kann allerdings auch für unfreiwillige Komik sorgen. Der Messaging-Service Metrocall wollte angesichts der vielen neuen Aufgaben seiner Sekretärinnen Ordnung schaffen: Wer sich noch nicht ganz für die "Senior"-Position qualifiziert hat, aber über der normalen Sekretärin stehen soll, schmückt sich hier wirklich und wahrhaftig mit dem Titelzusatz "enior".

Titel-Kreativität hat seinen Ursprung bei Apple

Erfindergeist beweisen typischerweise auch Startup-Gründer, die die Geschicke ihres Unternehmens an Venture-Capital-Gesellschaften abgeben mussten, sich aber nicht mit dem nichtssagenden "Chairman" abspeisen lassen wollten. Inzwischen geistern etliche Chef-Träumer, Chef-Ideen-Katalysten, Moral-Vorsitzende und Erfahrungs-Chefs durch die Etagen der Vorstände.

Doch wer meint, dass die Titel-Kreativität bei kleinen Web-Startups geboren wurde, irrt. Der Computer-Pionier Apple liberalisierte bereits Mitte der 80er Jahre die althergebrachten Büro- Hierarchien. Nachdem sich der junge, energetische Promoter Guy Kawasaki kurzerhand - und sehr erfolgreich - als "Chef Evangelist" bezeichnete, durfte sich auch der Rest der Belegschaft zwei Visitenkarten drucken lassen: Eine mit der formalen Bezeichnung, die zweite mit einem Titel ihrer Wahl.

Doch als nicht nur ein "Direktor für außerplanetarische Geschäfte" im offiziellen Apple-Gewand daherkam, sondern sich auch ein junger Mitarbeiter als "Chairman" ausgab, wurde die Revolution der Visitenkarten zügig wieder eingedämmt.

"Evangelisten" gibt es seitdem aber wie Sand am Meer. Keine besonders originelle Titelwahl, wie Paul Saffo findet. "Der erste Mann, der die Lippen seiner Geliebten mit einer Rose verglichen hat, war ein Genie", sagte der Direktor des "Institut für die Zukunft", einer gemeinnützigen Organisation für Technik-Marktforschung, gegenüber der "New York Times". "Aber schon der zweite und alle weiteren servierten damit nur noch kalten Kaffee."

"Vizepräsident für Cool"

Dass sie beim Kampf ums Cool-Sein durchaus ein Wörtchen mitzureden haben, bewiesen auch schon andere große amerikanische High-Tech-Firmen. Bei IBM hieß der Personalchef eine zeitlang "Vizepräsident für Talente". Die unkonventionelle Fluggesellschaft Southwest beschäftigte einen "Vizepräsident für Menschen" in der gleichen Position, und der Internet-Zugangsanbieter America Online buchte das präsidiale Prädikat für sich, als er seine AOL-Web-Seiten bereits vor fünf Jahren von einem "Vizepräsident für Cool" entwickeln ließ.

Die große Frage ist nur: Was passiert, wenn die Dotcom-Welt nicht mehr als das Nonplusultra gilt? Wie bewirbt man sich bei traditionellen Unternehmen, wenn sich im Lebenslauf kryptische Titel häufen? Besonders problematisch dürfte es sein, wenn ausgerechnet der Posten "Chef für Realität" den beruflichen Werdegang bei einer gescheiterten Gründung beschreibt.

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