Archiv
Der Porteno

Das große und ziemlich unerschütterliche Selbstbewußtsein der "Portenos", wie die Bewohner der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires genannt werden, ist immer wieder beeindruckend. Manchmal etwas nervig, aber irgendwie auch bewundernswert.

Das große und ziemlich unerschütterliche Selbstbewußtsein der "Portenos", wie die Bewohner der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires genannt werden, ist immer wieder beeindruckend. Manchmal etwas nervig, aber irgendwie auch bewundernswert. Eine Vielzahl von Witzen wurde über dieses Selbstbewußtsein erfunden. Der bekannteste ist wohl dieser: Was ist das beste Geschäft der Welt? Ganz einfach: Kaufe einen Porteno für das, was er wert ist, und verkaufe ihn wieder für das, was er meint wert zu sein.

Einen Porteno erkennt man in der Regel sofort: An den weit ausholenden Handbewegungen, der lauten Stimme, der Redefreudigkeit, der Lust ständig jedem Zuhörer irgendetwas erklären zu müssen, ausschweifend, theatralisch und leicht wichtigtuerisch, eine Nervensäge, aber dennoch charmant. Ein Porteno ist imstande, einem Deutschen Deutschland zu erklären, auch wenn er selbst noch nie in Deutschland war. Oder einem Tennisprofi das Tennisspiel und die Welt des professionellen Tennis zu erklären, auch wenn er selbst dies nur aus Zeitung und Fernsehen kennt. Gerne gibt er auch Dialoge wieder, an denen er selbst beteiligt war, haarklein und immer maßlos übertrieben - wobei der Erzähler selbst natürlich immer als Held weggkommt und es irgendjemandem so richtig gezeigt hat. Beliebte Motive sind zum Beispiel Streitgespräche mit Polizisten oder mit Schalterbeamten irgendeiner schnarchigen Behörde. Kommt die Geschichte bei den Zuhörern gut an, wird sie b ei der nächsten Gelegenheit wieder erzählt, dann aber noch mehr ausgeschmückt und viel übertriebener. Hat der Protagonist sich beim ersten Erzählen noch nur beim Polizisten beschwert, so war die Begebenheit bei der nächsten Wiedergabe schon in eine handfeste Schlägerei mit dem Hüter der Ordnung ausgeartet.

Auffällig gerade im Gegensatz zu den meist verschüchterten Deutschen ist auch die Freude an der Selbstdarstellung. Geht es darum eine Rede zu halten, etwas vorzusingen oder vorzutanzen, die Portenos reißen sich darum - egal ob sie gut Reden halten, singen oder tanzen können, sie haben einfach Spass daran sich vor anderen zu produzieren.

Woran liegt das wohl, habe ich mir immer mal überlegt oder mit Freunden diskutiert. Warum mache ich mich immer ganz klein, wenn zum Beispiel bei irgendeiner Vorstellung jemand aus dem Publikum auf die Bühne geholt werden soll, während die Portenos begeistert nach vorne stürmen? Es muss wohl mit der Erziehung zusammenhängen. Argentinische Kinder sind kleine Könige und Königinnen, sie stehen immer im Mittelpunkt, alles was sie tun, wie sie aussehen, wird von Entzückensschreien nicht nur ihrer Familie, sondern auch von Freunden oder zufällig vorbeigehenden Passanten begleitet. Von klein auf wird Selbstdarstellung gefördert, die Sprößlinge drehen sich unter den begeisterten Rufen der Großfamilie zur Musik im Kreis, werden unter ebenso großem Beifall mal als kleine Damen oder Herren verkleidet und geschminkt, kurz, die kleinen Portenos werden einfach vergöttert und haben absolute Narrenfreiheit.

Die Argentinier neigen auch wenig zu Mißgunst und Lästerei. Man nimmt die Menschen wie sie sind, wenn einer sich ein bisschen ausgefallener gibt oder ein bisschen spinnert ist, dann ist er ein "Personaje", das ist ein positives Attribut. Macht man eine bösartige Bemerkung über einen Mitbürger, erntet man bei den meisten Argentinier erstmal einen etwas befremdeten Blicke, erst dann lachen sie höflich.

Der Nachteil an der Sache ist dass die Portenos leider wenig Talent zur Selbstkritik haben. Schuld ist einfach immer der andere. Gehe ich, Porteno, an der grünen Fußgängerampel über die Straße und ein Linksabbieger fährt mich fast um, ist dieser Linksabbieger natürlich ein "hijo de puta", ein "idiota". Biege ich aber selbst links ab und ein Fußgänger wagt es, im selben Moment die Straße zu kreuzen und mich womöglich noch zu beschimpfen, weil ich ihn fast umgefahren habe, dann ist dieser Fußgänger natürlich ein "boludo", total bescheuert, wahrscheinlich blind auf den Augen, der Arme, sonst hätte er mich ja sehen müssen.

Anne Grüttner ist Handelsblatt-Korrespondentin in Madrid.
Anne Grüttner
Handelsblatt / Korrespondentin
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%