Der Präsident der Nahrungsmittelgruppe Cirio im Porträt
Sergio Cragnotti: Die letzte Partie des Zockers

Zwei Konstanten gibt es im Leben des Sergio Cragnotti: Fußball und Skandale. In diesen Tagen scheint der römische Finanzier und Präsident des Erstligaclubs Lazio Rom wieder einmal am Ende zu sein. Nachdem Anfang November eine 150 Millionen Euro schwere Unternehmensanleihe seiner Nahrungsmittelholding Cirio geplatzt ist, steht Cragnottis verschachteltes Firmenimperium da wie ein Kartenhaus kurz vor dem Einsturz.

MAILAND. Kaum ein Tag vergeht, an dem keine neue Hiobsbotschaften - meist über informelle Bankkanäle ventiliert - an die Öffentlichkeit geraten. Mal heißt es, er habe aus der Dosentomatenfirma Cirio eine halbe Milliarde Euro abgezogen; mal soll er die Minderheitsaktionäre seiner brasilianischen Filiale Brombil - bekannt für Schwammtücher und Mülleimerbeutel - um riesige Summen betrogen haben.

Fest steht aber auf jeden Fall eines: Die Gläubigerbanken fordern jetzt den Kopf des stets braun gebrannten Weltenbummlers. Sie weigern sich strikt, mit dem 62-jährigen Cragnotti über einen Sanierungsplan zu verhandeln, geschweige denn über neue Kredite für seine finanziell angeschlagene Firmengruppe.

Die Entrüstung der Nadelstreifenzunft kommt überraschend. Schließlich ist nicht erst seit gestern bekannt, um welch schräge Type es sich bei Cragnotti handelt. Der stets etwas halbseiden wirkende Geschäftsmann, der gerne im Mittelpunkt steht, ist berühmt für starke Sprüche und den laxen Umgang mit Verträgen und Gesetzen.

Beruflich gereift im Agro- und Chemie-Konzern des Ferruzzi-Clans, gehörte der studierte Betriebswirt zu den gelehrigsten Schülern des dort allein herrschenden Schwiegersohns Raul Gardini. Für Cragnotti war das stilbildend - zeichnete sich Gardini doch vor allem durch Größenwahn und dadurch aus, dass ihm alle Mittel heilig waren, wenn sie ihn nur zum Ziel führten.

Als der seinerzeit hinter Fiat zweitgrößte Privatkonzern Italiens 1993 unter einem riesigen Schuldenberg zusammenbricht und die Verquickung des Unternehmens mit dem Schmiergeldskandal "tangentopoli" deutlich wird, nimmt sich Gardini in Mailand das Leben.

Cragnotti jedoch zeigt sich in dieser Situation als Stehaufmännchen. Zwar wird er als Ex-Chef des zur Hälfte von den Ferruzzis geführten Chemiekonzerns Enimont verhaftet. Er zeigt aber rasch Reue und verbringt nur ein paar Tage hinter Gittern. Weil er als Kronzeuge im größten Skandal der italienischen Wirtschaftsgeschichte mit der Justiz zusammenarbeitet, entgeht er einer Haftstrafe von 15 Monaten.

Mit seiner Abfindung - angeblich rund 40 Millionen Euro - gründet der Sympathisant der postfaschistischen Partei Alleanza Nazionale seine Investmentgesellschaft Cragnotti & Partners. In diese lässt er all seine Fähigkeiten des "deal-makings" und sein Wissen über die Verschleierung unangenehmer Tatsachen einfließen. "Wenn wir nur einen Bruchteil der Leichen in seinem Keller kennen würden, wären wir schockiert", deutet der Leiter der Wirtschaftsredaktion einer Mailänder Tageszeitung viel sagend an.

So baute Cragnotti, der bei unangenehmen Fragen von Journalisten regelrecht explodieren kann, mit Hilfe langer Ketten von Holdings und Subholdings in den abgedrehtesten Steuerparadiesen eine komplexe Firmengruppe auf. Er kaufte für einen Spottpreis den Fußballclub Lazio Rom, übernahm das bis dato staatliche Tomaten- und Olivenölkonglomerat Cirio-Bertolli-De Rica und den südafrikanischen Teil des internationalen Lebensmittelkonzerns Del Monte. So erreichte er mit seiner gesamten Firmengruppe im vergangenen Jahr einen Umsatz von 1,2 Milliarden Euro.

Mit der Hausbank Capitalia (früher: Banca di Roma) an seiner Seite, kümmerte sich Cragnotti aber mehr um die optimale Finanzarchitektur seiner Firmengruppe als um die eigentliche Strategie. Alle paar Monate änderte er die Struktur seines Konzerns, so dass selbst ausgebuffte Kenner der Szene schon längst den Überblick verloren haben.

Außerdem drängt sich bei ihm der Eindruck auf, er kümmere sich außer um seine zahlreichen Steuersparmodelle sowieso nur um den Volkssport "calcio", wie Fußball in Italien heißt. Seine gediegenen, dunklen Anzüge schmückt er häufig mit dem hellblauen Fan-Schal seines Fußballclubs Lazio, für den seine drei erwachsenen Kinder arbeiten.

Unsterblich machte er sich bei seinen Fans vor zwei Jahren, als der Club nach langer Zeit die Meisterschaft gewann. Doch die Freude währte nur kurz: Nachdem er Superstar Pavel Nedved an Juventus Turin verscherbelt hatte, belagerten gewaltbereite Tifosi sein Haus.

Ruhm vergeht eben schnell in der Ewigen Stadt. Dieser Wahrheit muss sich Zocker Sergio Cragnotti jetzt auch in seinem Job als Cirio-Präsident in aller Konsequenz stellen.

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