Der Präsident des italienischen Fiat-Konzerns im Porträt: Paolo Fresco: Der „Americano“ ist gescheitert

Der Präsident des italienischen Fiat-Konzerns im Porträt
Paolo Fresco: Der „Americano“ ist gescheitert

Als der "Avvocato" Gianni Agnelli im Frühling des Jahres 1998 auf Paolo Fresco zuging und ihm die Präsidentschaft bei Fiat anbot, war der Top-Manager des US-Kolosses General Electric gerührt: "Ich fühle mich sehr geschmeichelt. Das ist eine große Ehre."

MAILAND. Doch knapp fünf Jahre nach jener Episode sieht die Welt anders aus. Der Patriarch der Familie ist seit einem Monat tot, und schon muss Fresco unter dem Druck der Familie und der Hausbanken zurücktreten. Erfolglosigkeit werfen ihm alle vor - kein Wunder angesichts des desolaten Zustands, in den er das ruhmreichste Stück italienischer Industriegeschichte manövriert hat.

Am Donnerstag, bei der Sitzung des Verwaltungsrats, räumt der "Americano", wie der 69-Jährige in Italien genannt wird, das Feld für Giannis jüngeren Bruder, Umberto. Am Mittwochabend bestätigte Fiat auch Gerüchte dass der erst im Dezember eingesetzte Vorstandschefs Alessandro Barberis abgelöst wird. Sein Nachfolger wird der frühere Pirelli-Vorstand Giuseppe Morchio. Barberis wird Vize-Präsident und Stellvertreter Agnellis.

Nicht in seinen schlimmsten Träumen hätte sich der Erfolgsmensch Fresco einen derart bitteren Abgang vorstellen können. Schließlich war er bei seiner Ankunft in Turin gefeiert worden wie ein Star: endlich ein international erfolgreicher Manager, der Fiat aus seiner Provinzialität holen kann, titelten damals die Gazetten.

Und in der Tat - die Hoffnungen schienen berechtigt: Fresco gehört zu den wenigen Führungskräften Italiens, die auch jenseits der Landesgrenzen ganz groß herausgekommen sind. Denn in den rund 35 Jahren beim einst wertvollsten Konglomerat der Welt, General Electric (GE), hatte er es zuletzt bis zum Stellvertreter des mythischen Jack Welch gebracht.

Doch Italien ist nicht Amerika. Fiat-Insider meinen, dass Fresco sich mit dieser Tatsache eigentlich nie abfinden wollte. Bereits bei den Verhandlungen über Gehalt und Konditionen befremdete er seine Gesprächspartner mit der Vorstellung, jeden Morgen von seiner Villa in den Hügeln über Florenz per Hubschrauber abgeholt zu werden, um später in Turin einzuschweben. Der Grund: Seine Frau Marlène, die früher als Fotomodell für Christian Dior gearbeitet hatte, hatte sich geweigert, in die oft nebelige und keinesfalls mediterrane Arbeiterstadt Turin umzusiedeln. Von Anfang an stieß der Hobbysportler im stockkonservativen Ambiente des größten italienischen Konzerns auf Widerstand.

"Montags kommt er im weißen Anzug ins Büro und erzählt stundenlang von seinen Ausflügen", berichtet ein Fiat-Manager naserümpfend. Zu bunt waren seine Krawatten, zu schrill der ganze Stil, um in der Konzernzentrale wirklich respektiert zu werden.

Jenseits solch stilistischer Fragen hat der Hobby-Schachspieler aber auch strategische Fehler begangen. Anstatt sich auf das Kerngeschäft zu konzentrieren - wie Volkswagen es zum Beispiel getan hat - verwandelte Fresco Fiat in einen Gemischtwarenladen, in dem Synergien kaum zu erkennen sind. Rund sechs Milliarden Euro hat Fresco ausgegeben und Schuldenberge aufgetürmt, um ein schier undurchschaubares Konglomerat zu formen, das nicht im Mindesten verglichen werden kann mit dem großen Vorbild General Electric. Als einzige Großtat des Juristen dürfte denn die Bildung der strategischen Partnerschaft mit dem größten Autohersteller der Welt, General Motors (GM), in Erinnerung bleiben. Der besondere Reiz des Deals besteht für Fiat darin, ab dem kommenden Jahr das Anrecht zu besitzen, die Autosparte vollständig an GM abzugeben. Insofern könnte Fresco als jener Präsident in die Unternehmensgeschichte eingehen, der bei Fiat die Grundlagen für eine Zukunft ohne Auto gelegt hat.

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