Der Präsident ist der beste Verkäufer
Der erste Schneider im Staate

Ausgerechnet ohne einen Franzosen sähe George W. Bush alt aus: Georges de Paris schneidert seit 40 Jahren die Anzüge für Amerikas Präsidenten.

Der Präsident hat zu mir gesagt: ,Georges, der deutsche Kanzler hat meinen Anzug gelobt?", erzählt Georges de Paris. "Dann hat er mich in den Arm genommen und dieses Foto von uns machen lassen." Stolz deutet er auf ein gerahmtes und signiertes Bild aus dem Weißen Haus, das in seinem kleinen Geschäft an der 14. Straße hängt, nur einen Block vom Sitz des Präsidenten entfernt.

Ein lachender George W. Bush hat den kleinen Schneider Georges de Paris im Arm und zeigt ein V für Sieg mit seinen Fingern. Daneben hängen die signierten Fotos von Bushs Vorgängern.

In Washington gibt es nicht nur den ersten Mann im Lande und die First Lady - es gibt auch den ersten Schneider des Staates: Georges de Paris (ja, das ist sein richtiger Name, der auch im Pass steht).

Ein Mann der alten Schule: weißes Hemd mit Doppelmanschette, schwarze Weste, das Nadelkissen am Unterarm, Lesebrille und Maßband hängen um den Hals, darüber wallt das silberne, gewellte Haar.

Bevor er im Alter von 27 Jahren in die USA auswanderte, hat er einige Jahre in Düsseldorf und Neuwied gearbeitet: "Es war eine wunderbare Zeit: Ist die Königsallee immer noch da?" fragt er scherzhaft. "Ich will unbedingt mal wieder rüber, war schon so lange nicht mehr da."

Die Karriere als Schneider der US-Präsidenten begann mit Lyndon Johnson. Er ließ sich als Vize-Präsident von de Paris seine Garderobe ändern. Als er 1963, nach der Ermordung John F. Kennedys, ins Weiße Haus einzog, orderte er von de Paris zwei Anzüge, für den Schneider der Beginn einer großen Karriere. Mittlerweile kostet ein einfacher Anzug 2 000 bis 3 000 Dollar.

Der Start in den USA war für den französischen Auswanderer dagegen alles andere als glücklich verlaufen. Die paar Tausend Franc, rund 4 000 Dollar, die er besaß, vertraute er seiner Geliebten an, die ihn übers Ohr haute. So fand er sich kurz nach seiner Ankunft in Washington ohne Arbeit, obdachlos in einem Park wieder. Der Potomac River diente ihm als weitläufiges Badezimmer. Selbst wenn er über diese schwere Zeit spricht, wirkt er nicht verbittert. Nach drei Monaten fand der gelernte Schneider einen Job, sparte Geld, kaufte eine Nähmaschine, jene, an der er noch heute sitzt, und eröffnete schließlich seinen eigenen Laden.

Die nächsten 18 Jahre war das Ladenlokal zugleich Wohn- und Schlafzimmer. Mittlerweile besitzt Amerikas erster Schneider eine kleine Wohnung an der Pennsylvania Avenue, an der auch das Weiße Haus steht. Doch de Paris hat sich seine Bescheidenheit erhalten. Allüren, wie man sie von Designern aus New York oder Mailand kennt, sind ihm fremd. Deren Anzüge nennt er scherzhaft nur "Spaghettiware", wegen der gerade geschnittenen Beine.

Ob auf Fotos oder wenn ein Kunde in den Laden kommt, Georges de Paris macht keinen Hehl aus seiner Lebensfreude. Lachen ist sein Markenzeichen. Die Zurückhaltung, die britische Herrenausstatter ausstrahlen, ist ihm fremd. Vielmehr ist ihm das südliche, warmherzige Temperament aus seiner Zeit in Marseille, wo er das Schneiderhandwerk erlernte, ins Blut gegangen. In der antiseptischen Atmosphäre rund um das Weiße Haus ist das für viele eine willkommene Abwechslung.

Sein Atelier ist seit acht Präsidenten-Generationen eine Institution in Washington, DC. Auch Bill Clinton ließ sich hier seine Anzüge nähen. Doch Georges, wie den Schneider seine Kunden nur nennen, hat an ihn wenig gute Erinnerungen: "Er war sehr fordernd, kalt und hat mich überhaupt nicht zur Kenntnis genommen."

George Bush senior sei freundlicher als Clinton gewesen, aber sehr zurückhaltend, sagt de Paris, während er eine Stoffbahn mit feinster Wollware aus Europa ausrollt.

Und auch Bush junior ließ nicht viel Zeit verstreichen, bis er de Paris zu sich rief, unmittelbar nachdem das endgültige Ergebnis der Chaos- Wahl im Januar 2001 bekannt war.

Im Eiltempo musste de Paris für "Dabbeljuh" einen Anzug schneidern, den der Präsident bei seiner Amtseinführung trug. Ob "State of the Union", die erste Rede nach den Anschlägen vom 11. September oder Staatsempfänge - die Anzüge von der 14. Straße gehören zum Standardoutfit des Präsidenten.

Der arbeitet mittlerweile als heimlicher Vertreter für den Maßschneider. Dem republikanischen Abgeordneten Jim Ramstad zum Beispiel drückte Bush die Karte von Georges de Paris in die Hand. Mittlerweile hängt ein blaues Kaschmir-Sakko im Schrank des Abgeordneten. Auch seinen Stabschef Andrew Card schickte Bush kurz vor dessen offizieller Ernennung zur Anprobe in das kleine Atelier.

Richtig gerne erinnert sich der 68-jährige Schneider an Ronald Reagan: "Der war ein bisschen wie George W. Bush: hat immer viel geredet und die Qualität der Textilien zu schätzen gewusst." De Paris lacht verschmitzt, sticht mit einer Nadel in einen Anzugkragen und meint: "Reagan hatte allerdings immer Angst, ich könnte ihn mit einer Nadel piksen. Dabei stand doch der Secret Service daneben und hat alles überwacht." Er lacht, schaut kurz über seine Brille und setzt zum nächsten Stich an.

De Paris redet gerne mit seinen Kunden. Er näht nicht schlicht einen Anzug für den Herrn mit Konfektionsgröße 52 zusammen, sondern weiß auch, wer drin steckt. Entsprechend langweilig war die Zeit für ihn mit Jimmy Carter. Der habe kaum etwas gesagt und sei immer nur als unpersönlicher Business- Man aufgetreten.

Ex-Football-Star Gerald Ford war dagegen der Witzbold unter den Präsidenten und hat sich gerne über die Kleinwüchsigkeit von de Paris lustig gemacht. "Seine Lieblingsfrage war: ,Haben Sie jemals American Football gespielt?? Dann hat er gelacht", erinnert sich der Schneider. Richard Nixon sei dagegen sehr höflich gewesen und habe sich immer nach dem persönlichen Befinden erkundigt.

Wer das Schneideratelier betritt, steht in einer Zeitmaschine. Seine Kunden, darunter Kongressabgeordnete, Mitarbeiter des Weißen Hauses, aber auch internationale Wirtschaftsbosse, genießen während der Anprobe die Anekdoten des 1,60 Meter kleinen Schneiders. Auch einige Deutsche zählt Georges zu seinen Kunden. Selbst an Kanzler Gerhard Schröder legte der Schneider Hand an, als bei dessen Treffen mit Bush im Jahr 2001 eine Anzugnaht aufging.

Statt im Alter von 68 Jahren kürzer zu treten, ist Georges immer noch sieben Tage in der Woche oft bis spät in die Nacht mit seinem 75-jährigen Assistenten im Atelier. Überall hängen halbfertige Anzüge auf links gezogen, Ärmel mit Kreidemarkierungen und Kragen, die auf den passenden Hals warten. Eine Frau, die zu Hause auf ihn wartet, gibt es nicht. Auf Hobbys angesprochen, fällt ihm nichts Besseres ein, als übers Schneiderhandwerk zu plaudern.

Allerdings: So redselig Georges de Paris über seine berühmten Kunden Auskunft gibt, über eines will er nicht sprechen: Politik. "Das ist nicht mein Business. Ich bin Schneider."

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