Der Privatkonkurs wird selten genutzt
Ausweg aus der Schuldenfalle

Etwa zwei Millionen deutsche Haushalte gelten als überschuldet. Trotzdem nutzen nur wenige die Möglichkeit eines Privatkonkurses. Aber vom 1. August an wird es einfacher, sich zu entschulden. Der Staat hilft.

HB DÜSSELDORF. Der anonyme Schuldner Heinz aus Düsseldorf sitzt mit übereinander geschlagenen Beinen und nachdenklichem Gesicht auf der Couch. Das Designerstück hat schon bessere Zeiten erlebt. Das Zimmer, in dem die Garnitur steht, strahlt den Charme einer Abstellkammer aus: Billigregale, einfacher Fichtenholztisch, der Boden übersät mit alten Zeitungen. Heinz ging es früher besser. Er ist gerade 38, aber er hat bereits ein bewegtes und luxuriöses Leben hinter sich. Zweimal verheiratet, zweimal geschieden, zwei Kinder aus erster Ehe, ein weiteres aus zweiter. Das Bild auf dem Schrank zeigt ein schmuckes Häuschen im Grünen, vor der Garage die noble Limousine mit dem Stern auf der Haube.

Doch das ist Schnee von gestern. Jetzt wohnt der gelernte Bilanzbuchhalter in einer schäbigen Ein-Zimmer-Wohnung mit Blick auf den Bahndamm. Den Intercity-Fahrplan kennt er bereits auswendig, so oft rauschen die Züge vorbei. Heinz muss wieder bei Null anfangen, genauer gesagt bei minus 90 000 Mark. Denn genau diese Höhe hat der Schuldenberg erreicht, den es abzutragen gilt.

Der Privatkonkurs wird bislang erst selten genutzt

Der Düsseldorfer gehört zu den mehr als 1,1 Millionen Privatpersonen in der Bundesrepublik, gegen die nach Angaben der Wirtschaftsauskunftei Bürgel im vergangenen Jahr gerichtliche Zwangsmaßnahmen angeordnet wurden, weil sie nicht zahlen konnten oder wollten. Dies seien, so Bürgel-Geschäftsführer Tilman Bettendorf, zwar 3,7 Prozent weniger als 1999. Aber die Zahlen seien weiter alarmierend hoch: Zwei Millionen deutsche Haushalte gelten als überschuldet. Und der Privatkonkurs als einfachster Weg aus der Schuldenfalle wird nur von wenigen genutzt. Jetzt soll eine Neuregelung der Insolvenzordnung die Entschuldung vereinfachen.

Seit Januar 1999 können Privatpleitiers Privatkonkurs beantragen und so dem Schicksal entgehen, ihr ganzes Leben lang Schulden abzuzahlen. Wer sieben Jahre lang brav sein pfändbares Einkommen an die Gläubiger abgibt, dem werden die restlichen Verpflichtungen erlassen. Aber bislang nutzten nur etwa zwei Prozent der Schuldner dieses Verfahren, sagt Eckehard Müller von der Düsseldorfer Arbeiterwohlfahrt.

Als einen der Hauptgründe sieht Müller den Personalmangel der Schuldnerberatungsstellen, die den in Schwierigkeiten Geratenen helfen sollen - möglichst in außergerichtlichen Verhandlungen, aber auch bei einem Konkursverfahren. "Scheitern diese Verhandlungen, bleibt den Schuldnern nur der teure Weg zum Gericht", erklärt Müller.

Der Bundesverband Deutscher Inkasso-Unternehmen e.V. (BDIU) sieht in den hohen Prozesskosten einen wichtigen Grund für die geringe Zahl der Verbraucherkonkurse, denn für die Kosten muss der Antragsteller selbst aufkommen. Der aber hat in der Regel ohnehin kein Geld mehr. So scheitert die schuldenfreie Zukunft oft am fehlenden Startkapital. "Im Durchschnitt liegen diese Kosten", so Präsident Ulf Giebel, "bei etwa 3 000 Mark pro Verfahren." Viele Schuldner seien zudem mit Pfändungen konfrontiert, erläutert Giebel. "Das wenige Geld, das ihnen übrig bleibt, reicht oft kaum für die Güter des täglichen Bedarfs."

Kürzere Frist und Prozesskostenhilfe für Schuldner

Die Bundesregierung plant deshalb, Schuldnern Prozesskostenhilfe zu gewähren und die Abzahlfrist auf fünf Jahre zu verkürzen. Auch denjenigen, die jahrelang keinen Pfennig zahlen können, winkt ein Schuldenerlass. Wie aus dem Justizministerium zu hören ist, sollen die geänderten Bestimmungen ab dem 1. August in Kraft treten. Die Novellierung ist nicht unumstritten. So fürchten die Banken eine höhere Ausfallquote bei ihren Krediten, und die Vertreter der Öffentlichen Hand erwarten, dass den Gerichten pro Jahr ein dreistelliger Millionenbetrag entgeht.

Heinz versucht derzeit, sich außergerichtlich mit seinen Gläubigern zu einigen und dem Konkurs zu entgehen. Jahrelang wird er dafür zahlen, dass sein Einkommen zu gering für seinen Lebensstandard war. Das 2,8-Liter-Auto aus Stuttgart, der Zweitwagen für seine Frau, die teuren Möbel und nicht zuletzt das Haus mussten bezahlt werden. Und konnten es auch - jedenfalls eine Zeit lang, dank der Kombination "Einkommen plus Kreditlinien". Banken und Handel gaben sich großzügig mit scheinbar günstigen Krediten und Teilzahlungsangeboten.

Lockende Offerten wie "jetzt kaufen und in sechs Monaten zahlen" und die daraus entstehenden Verpflichtungen aber lassen Menschen wie Heinz irgendwann keinen Spielraum mehr für die Wechselfälle des Lebens. Für Heinz ging es bergab, als sein Arbeitgeber Pleite ging: neue, schlechter bezahlte Arbeit, Ratenrückstände, Umschuldung durch einen privaten Kreditvermittler - dazwischen die zweite Scheidung - und schließlich neben dem privaten auch der finanzielle Offenbarungseid.

Die Nachbarn sollen nichts wissen

Um die Schulden loszuwerden, würde Heinz sogar ein öffentliches Outing in Kauf nehmen: Verbraucher-Insolvenzverfahren werden nur unter der Bedingung eröffnet, dass die Pleite in den örtlichen Tageszeitungen veröffentlicht wird. Viele Überschuldete, so die GP Forschungsgruppe, Weiler/Allgäu, verzichteten schon deshalb auf die Entschuldung per Privatkonkurs, weil die Nachbarn nichts wissen sollten.

Schuldenberater Müller rät seinen Klienten in der Regel, sich von der kleinen Zeitungsnotiz nicht abschrecken zu lassen: "Schließlich bietet die Chance einer kompletten Entschuldung die Möglichkeit für einen echten Neuanfang." Den will auch Heinz. Sein Entschuldungsverfahren läuft auf festen Gleisen, so wie die Züge vor seinem Fenster.

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