Der Profisport hält sich mit Anti-Kriegsbekundungen zurück: Entertainment nach Plan

Der Profisport hält sich mit Anti-Kriegsbekundungen zurück
Entertainment nach Plan

Es ist schlechtes Timing. Ausgerechnet jetzt erlebt Amerika den Höhepunkt der traditionellen "March Madness". Der Wahnsinn im März beschreibt eigentlich den Wettstreit der besten College- Basketballer des Landes, die im NCAA-Turnier ihren Meister ermitteln. Die Hallen sind ausverkauft, Blaskapellen spielen schmissige Rhythmen, Cheerleader tanzen. Es ist eine Flucht vor der Realität.

LOS ANGELES. Als am Wochenende das TV-Network CBS das Duell Arizona gegen Gonzaga übertrug, wurde das Korbball-Festival mittendrin unterbrochen. Nachrichten-Moderator Dan Rather meldete sich zu Wort. Er sprach zu schrecklichen Bildern: Bomben auf Bagdad, verwundete US-Soldaten.

Der Fernsehsender schaltete nach knapp zwei Minuten zurück zum Basketball. Business as usual. Auf die Tragödie folgen stets jubelnde Sportfans. Die Berichterstattung vom Irak-Krieg sorgt für eine hohe Quote, CBS hingegen verlor im Vergleich zum Vorjahr ein Viertel seiner Basketball-Zuschauer. Die College-Show muss aber weitergehen. Nicht nur, weil CBS für den elfjährigen TV-Vertrag stolze sechs Milliarden Dollar an die NCAA (National College Athletic Association) zahlt. Deren Präsident Myles Brand begründete die Entscheidung gegen eine Turnierverlegung damit, dass die "amerikanische Lebensweise ganz nach Plan" fortgeführt werden soll. Zuvor hatte Baseball-Commissioner Bud Selig auf Grund der "angespannten Weltlage" die nach Tokio vergebene Saisoneröffnungs-Serie zwischen Oakland und Seattle abgesagt.

Seligs Schritt ist die Ausnahme. Die großen amerikanischen Profiligen wie die NBA (National Basketball Association) und NHL (National Hockey League) wollen vorerst keine Spiele absagen. Schließlich stehen die lukrativen Playoffs vor der Tür. Indes verstärkte man die Sicherheitsvorkehrungen in den Arenen und intensivierte das patriotische Vorspiel. Zur live gesungenen Nationalhymne erscheinen in der Regel Angehörige der Streitkräfte, die eine riesige US-Flagge in die Höhe halten. Vergangene Woche wurden die TV-Ansprachen von Präsident George W. Bush auf den großen Videowürfeln unter der Hallendecke übertragen, die Spiele dafür unterbrochen. Krieg und Körbe. Als der mächtigste Mann der Welt den Einmarsch amerikanischer Truppen in den Irak verkündete, jubelten die Zuschauer in Memphis. In Oakland gab es vereinzelte Buh-Rufe. Ansonsten sind die Sportpaläste Orte der Zerstreuung und die Protagonisten geben sich dementsprechend unpolitisch.

Im Gegensatz zu vielen links-liberalen Hollywood-Stars, die für Frieden demonstrieren, halten die sportlichen Idole den politischen Ball flach. "Gerade in schwierigen Zeiten muss jeder seine Aufgabe so gut es geht erfüllen", meint NBA-Superstar Kobe Bryant von den Los Angeles Lakers, "und meine Aufgabe ist es, erstklassiges Entertainment zu bieten." Für den eher philosophischen Meistercoach Phil Jackson bietet die NBA Gelegenheit, dass die Menschen für eine Zeit "Sorgen und Probleme vergessen". Jackson weiter: "Sport hat manchmal eine große lindernde Wirkung."

Körbe als Balsam für psychische Wunden. An der sportlichen Heimatfront hört man neben diplomatischen vornehmlich patriotische Töne. "Mit unseren Herzen sind wir bei den Soldaten", sagte Basketballer Mark Madsen (Los Angeles Lakers). Er ist nicht allein. Kritik am Irak-Feldzug wurde im US-Profisport bislang noch nicht laut. Für Schlagzeilen sorgten allein zwei College-Basketballerinnen aus New York und Virginia. Toni Smith und Deidra Chatman wandten sich aus Protest gegen den Krieg beim Abspielen der Nationalhymne von der US-Flagge ab. Die großen Sportstars gehen aber wie gewohnt ihren Geschäften nach.

Die Organisatoren der in dieser Woche in Washington stattfindenen Eiskunstlauf-WM verkündeten stolz, dass es unter den 104 Teilnehmern aus 41 Ländern "keine kriegsbedingten Absagen" gegeben hätte. Auch das Golf-Masters in Augusta soll im April wie geplant über die Bühne gehen. Die Major-League-Baseball und die Rennserie Nascar wollen an ihren Terminplänen festhalten. Auch, weil man mit einem schnellen Kriegsende rechnet.

Rückendeckung gibt es von den Medien. Die Zeitschrift "Sports Illustrated" zog schwere Geschütze auf, als es in seiner neuesten Ausgabe über fünf Seiten die Horror-Machenschaften von Uday Hussein, Herrscher über das irakischen Nationale Olympische Komitee, anprangerte. "Sohn von Saddam" heißt der Titel des Berichts, in dem von Folter und Mord im irakischen Sportsystem die Rede ist.

Unter der Story steht zudem klein gedruckt das Statement von Michael Cherkasky, Präsident einer internationalen Risiko-Beratungsfirma. Cherkasky sieht die wachsende Gefahr, dass Sportevents in den USA auf Grund ihrer Symbolhaftigkeit Terrorziele werden: "Sport und Amerika sind miteinander verknüpft. Internationale Terroristen verstehen das." March Madness - die Angst spielt mit.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%